1. bookVolume 61 (2003): Issue 5 (September 2003)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Für einen Perspektivenwechsel: Die Potenziale des Alters als Triebkräfte gesellschaftlicher Entwicklung

Published Online: 30 Sep 2003
Volume & Issue: Volume 61 (2003) - Issue 5 (September 2003)
Page range: 395 - 403
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eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
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6 times per year
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German, English
Kurzfassung

In Verbindung mit der Mitgliederversammlung der Akademie für Raumforschung und Landesplanung traf am 14. Mai 2003 in Erfurt das Präsidium der Akademie zu einem Gespräch mit den älteren ordentlichen Mitgliedern zusammen. Impulse zu einer lebhaften Diskussion gab ein Vortrag des Verfassers. Die dort vorgetragenen Materialien und Überlegungen werden hiermit in überarbeiteter Form vorgelegt.

Ein Impuls

Dass die demographische Entwicklung auch die Bedingungen der Regionalentwicklung drastisch verändert hat und weiter verändern wird, ist inzwischen fachliches Allgemeingut. Allerdings wird einer in dieser Entwicklung innewohnenden Zukunftschance bisher nicht die genügende Aufmerksamkeit gewidmet. Gemeint ist die Rolle der Älteren in der alternden Gesellschaft.

Leitgedanke dieses Beitrages ist: Die Konzentration der Diskussion auf die schrumpfenden Potenziale des Nachwuchses führt in eine Sackgasse. Die wachsenden Potenziale der Älteren sind gleichfalls Triebkräfte der gesellschaftlichen Entwicklung. Daher können allein abnehmende Zahlen, weder die der Geburten noch die der Gesamtbevölkerung, die (regionalen) Humanpotenziale zutreffend kennzeichnen.

Bei der Betrachtung der Potenziale des Alters ist zu unterscheiden zwischen der Gruppe der Älterwerdenden im Erwerbsalter einerseits und der Gruppe der Älterwerdenden in der nachberuflichen Lebensphase andererseits. Auf die zuletzt genannte Gruppe beziehen sich die folgenden Darlegungen überwiegend.

Ausgangslage
Ältere im demographischen Strukturwandel

Zunächst sei an die bekannte Ausgangslage erinnert: Die demographische Struktur westlicher Gesellschaften ist durch eine bald in das 90. Lebensjahr reichende Lebenserwartung gekennzeichnet. In Verbindung mit niedrigen Geburtenraten wachsen die Zahl und der Anteil alter Menschen. Aufgrund der verbesserten körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit mit einer steten Zunahme der sogenannten behinderungsfreien Jahre in den westlichen Gesellschaften sind alte Menschen heute bis in das hohe Alter zur gesellschaftlichen öffentlichen und privaten Teilhabe fähig und willens.

Auf die umfassende Behandlung der Grunddaten und der Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzelnen und Politik, die die Enquete-Kommission Demographischer Wandel des Deutschen Bundestages vorgelegt hat, sei an dieser Stelle verwiesen

Enquete-Kommission Demographischer Wandel: Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzelnen und die Politik. Hrsg.: Deutscher Bundestag. — Berlin. = Verh. d. Deutschen Bundestages, BT-Drs. 14/8800

, desgleichen auf knapp zusammenfassende Darstellungen der aktuellen Entwicklung

Bevölkerung: Fakten — Trends — Ursachen — Erwartungen. Sonderveröffentl. im Rahmen der Schriftenreihe des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. — Wiesbaden 2000

,

Roloff, Juliane; Schwarz, Karl: Bericht 2001 über die demographische Lage in Deutschland mit dem Teil B „Sozio-ökonomische Strukturen der ausländischen Bevölkerung”. In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 27 (2002) 1, S. 3–68

,

Birg, Herwig; Flöthmann, E.-Jürgen: Demographische Projektionsrechnungen für die Rentenreform 2000. — Bielefeld 2001. =Materialien des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik der Universität Bielefeld, Bd. 47 A und B

.

Folgende Faktoren bestimmen u.a. die deutliche Zunahme der Zahl der Älteren:

Die Lebenserwartung der Frauen und Männer steigt weiter an.

Die allein vom Nachwuchs bestimmte Leistungsund Innovationsbasis schrumpft wegen der anhaltend niedrigen Geburtenhäufigkeit.

Die Bevölkerung in Deutschland wird strukturell immer älter.

Die Zuwanderung aus dem Ausland streckt die Entwicklung zeitlich, kann sie jedoch nicht stoppen oder gar umkehren.

Das Alter wird stärker männlich, da die männermordenden Kriege inzwischen ausgeblieben sind.

Innerhalb veränderter Zeitmuster des Lebenslaufs verlängert sich die nachberufliche und die nachelterliche Lebenszeit bis zum Übergang in die Hochaltrigkeit deutlich.

Neue gesellschaftliche Verantwortung und Teilhabe der Älteren

Die veränderte Altersstruktur bedarf eines tiefgreifenden Umdenkens und durchgreifender gesellschaftlicher Neugestaltung. Bisher hat die Gesellschaft jedoch mit dem demographischen Wandel nicht wirklich Schritt gehalten. Insgesamt zeigt die wissenschaftliche und politische Beschäftigung mit dem Alter in großem Umfang eine einseitige Betonung der Fragen zur Alterssicherung unter finanziellen Aspekten der Altersrenten sowie dem unter sozialen und medizinischen Unterstützungsbedarf, insbesondere konzentriert auf die Bereiche Gesundheitskosten, Hilfebedarf und Pflege. Die Seniorenprogramme zahlreicher Akteure sind als Betreuung (z.B. Kaffeestunden, Ausflüge) konzipiert, die die Älteren als Objekte behandeln. Der weiteren Verbreitung einseitig negativer Altersbilder

Filipp, Sigrun-Heide; Mayer, Anne-Kathrin: Bilder des Alters. Altersstereotype und die Beziehungen zwischen den Generationen. — Stuttgart 1999

kann und muss entgegengearbeitet werden.

Diese Sichtweise verstellt den Blick auf die Tatsache, dass einerseits die Gesellschaft auf den Beitrag der über 60-Jährigen angewiesen ist und dass andererseits auch älteren Menschen die individuelle und kollektive Erfüllung ihrer Teilhabeansprüche möglich sein muss. Hieraus folgt, dass Ältere nicht Objekte des Handelns anderer sein dürfen, sondern als handelnde Subjekte eigenverantwortliche Akteure sind. Nicht allein dies ist zu betonen, sondern es ist auch auf eine neue Verantwortung der Älteren für die Zukunftsperspektiven aller Lebensalter aufmerksam zu machen.

Steigendes Qualifikationsniveau der Älteren

Die Wahrnehmung einer steigenden Verantwortung für die Zukunft der Gesellschaft durch die Älteren kann sich auf einen stetig zunehmenden Anteil von Höherqualifizierten stützen. Bildungsdemographische Merkmale gehören daher zur Kennzeichnung der Potenziale des Alters.

Zu den Gründen für das steigende Qualifikationsniveau

Ergebnisse der Volks- und Berufszählung 1987. — Wiesbaden 1988

der Älteren gehören insbesondere:

Die enorme Bildungsexpansion, die sich in Deutschland seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts vollzogen hat, ist am Strukturwandel der Schulabschlüsse - hin zu den höheren Abschlüssen - und an der Zunahme der Hochschulabschlüsse ablesbar.

Die im Jahr 1935 Geborenen waren die 65-Jährigen des Jahres 2000, die im Jahr 1965 Geborenen werden die 65-Jährigen des Jahres 2030 sein. In dieser Zeit verdreifachte sich der Anteil der Realschulreife-Ab- schlüsse, der Anteil der Hochschulreife-Abschlüsse versechsfachte sich auf zusammen 80 % des Altersjahrgangs (westliche Bundesländer). Die Zahl der absolvierten Hochschulabschlussprüfungen verdreifachte sich im Zeitraum 1960 bis 1990. Im wiedervereinigten Deutschland steigen die Zahlen weiterhin an.

Sehr bemerkenswert ist der deutliche Anstieg des Qualifikationsniveaus bei den Frauen. Von sehr niedriger Ausgangslage aus haben sie inzwischen das Schulabschlussniveau und die Hochschulbesuchsrate der Männer erreicht.

Von 2000 bis 2030 wird bei den Frauen eine Steigerung des Anteils der Hochschulabsolventen unter den 60-Jährigen um etwa 300 % (Männer nochmals 50 %) erwartet.

Im Blick auf die Potenziale der älteren Frauen sind nun nicht allein diese bildungsdemographischen Daten bedeutsam, sondern hinzu kommt, dass inzwischen ein steigender Anteil der Akademiker- innen kinderlos bleiben wird

Vgl. DFV-Familie, Heft 6/2002, S. 5.

und daher im Alter als Hochqualifizierte in anderer Weise über ihre Zeit verfügen kann und wird, als es z.B. noch für die Generation der Großmütter kennzeichnend ist. Derzeit sind bei den Frauen mit Hochschulabschluss im Alter zwischen dem 30. und 39. Lebensjahr 43 % kinderlos; unter den Frauen mit Hauptschulabschluss sind es nur 19 %.

Bereitschaft der Älteren zum Engagement

Unter den Älteren ist das Interesse an nachberuflichem

Engagement ebenso stark ausgeprägt wie die Bereitschaft, dies tatsächlich auch zu tun. Unter höherqualifizierten Älteren ergab eine Untersuchung

Ermert, Karl; Meyer-Engelke, Elisabeth; Rach, Lothar (Bearb.): Forschung und Wissenstransfer im Alter. Potentiale und Interessen der älteren Generation. IES-Bericht 123.96. — Hannover 1996

Folgendes:

Rund drei Viertel sind an einer nachberuflichen Tätigkeit interessiert (34 % sind berufstätig, weitere 40 % haben Interesse).

Maßgebliche Beweggründe für die Tätigkeit sind neben persönlichen Kategorien (z.B. Freude und Spaß) auf die soziale Umwelt zielende Gründe: Kontakte, gesellschaftliche Anerkennung, Erfahrungsaustausch.

Themen- und Tätigkeitsfelder, auf die das Hauptinteresse zielt, sind Wirtschaft, Geschichte, Natur und Umwelt. Frauen interessieren sich eher für Sozialwesen, Philosophie/Religion, Kultur, Sprache. Männer bevorzugen wirtschafts- und umweltbezogene Themen.

Bei bereits aktiven Älteren dominieren Tätigkeiten in den Bereichen Wissensvermittlung, Beratung, Forschung/Entwicklung, Publikation.

Der Umfang der Zeit, für deren Einsatz Bereitschaft vorhanden ist, hat eine große Bandbreite. Insgesamt handelt es sich um ein erhebliches Zeitvolumen. 40 % der Interessierten wollen ihren Zeiteinsatz (projektorientiert und begrenzt) von Fall zu Fall selbst bestimmen.

Die nachberufliche und nachelterliche Zeit bietet den Älteren Freiräume. Dies sind auch Freiräume für Entwicklungen, welche nicht den erwerbsberuflichen personellen und thematischen Auslese- und Begrenzungsprinzipien unterliegen. In solchen eher dialogisch geprägten Freiräumen gedeihen Innovationen

Ermert, Karl (Hrsg.); Hüttig, Christoph (Hrsg.): Alter und Innovation. Wissens- und Erfahrungspotenziale älterer Menschen und ihr Austausch zwischen den Generationen. — Rehburg-Loccum 1999.=Loccumer Protokolle 28/98

, welche die künftige Entwicklung mitbestimmen.

Zur Zukunftsfähigkeit der alternden Gesellschaft

Als Zwischenbilanz sei das Dargelegte knapp zusammengefasst:

Da die alte Arbeitsteilung zwischen Jung und Alt keine Perspektive mehr hat, bedeutet dieses Umstellungsanforderungen an die Einstellungen und Verhaltensmuster der gesamten Gesellschaft. Das Leitbild der Lebenskultur braucht - auch - eine neue Auffassung von der Rolle der Älteren in der Gesellschaft. Es bedeutet für sie eine höhere Verantwortung nicht nur für die Bewahrung des Bewährten, sondern auch für seine innovative Weiterentwicklung. Es gilt, einer drohenden Entwicklungsschwäche vorzubeugen und zwar durch den Einsatz von Zeit und Kompetenzen seitens der Älteren.

Deshalb müssen in Zukunft auch die Älterwerdenden vermehrt Träger der Innovation in Gesellschaft und Wirtschaft, in Kultur und Wissenschaft sein. Die alternde Gesellschaft gewinnt ihre Zukunft nur durch Jüngere und Älterwerdende gemeinsam; durch eine neuartige Zusammenarbeit der Generationen. Die Jüngeren sind - wenn alleingelassen - überfordert. Es geht also nicht um eine altenzentrierte Sichtweise, sondern um alle Generationen.

Es wäre eine grandiose Vergeudung von viel Humanvermögen, wenn in der alternden Gesellschaft die höherqualifizierten Älteren nicht an der Zukunftsentwicklung unserer Gesellschaft beteiligt werden, wenn man deren Kompetenz schlummern ließe.

Nun kommt es darauf an, dies zum Thema zu machen und die Bedingungen zu schaffen, unter denen sich diese Gruppe am Prozess des Erfahrungs- und Wissenstransfers und der Innovation beteiligt: Denn eine ihrer zentralen Qualifikationen besteht darin, ihren Wissens- und Erfahrungsstand weitergeben zu können (und zu wollen).

Es geht um eine Vision

Geißler, Clemens: Alter und Innovationen — Gründe, Ziele und Visionen für eine neue intergenerationelle Zusammenarbeit. In: Ermert, Karl (Hrsg.); Hüttig, Christoph (Hrsg.), a.a.O., Alter und Innovation. Wissens- und Erfahrungspotenziale älterer Menschen und ihr Austausch zwischen den Generationen. — Rehburg-Loccum 1999.=Loccumer Protokolle 28/98, S. 9–37 Kruse, Andreas: Ist Alter innovativ? Zur Bedeutung älterer Menschen für unsere Gesellschaft und Kultur. In: Ermert, Karl (Hrsg.); Hüttig, Christoph (Hrsg.), a.a.O., Alter und Innovation. Wissens- und Erfahrungspotenziale älterer Menschen und ihr Austausch zwischen den Generationen. — Rehburg-Loccum 1999.=Loccumer Protokolle 28/98, S. 38–53

der Zukunftsfähigkeit unseres alternden Gemeinwesens. Es geht um das Wahrnehmen und Aktivieren schlummernder Entwicklungspotenziale. Es geht auch in der Raumentwicklung um eine zusätzliche Richtung des Denkens, nämlich hin zu qualitativ-positiven Dimensionen der Alterung.

Potenziale des Alters

Vor dem Hintergrund der absehbaren demographischen Entwicklung und der wechselseitigen Wirkungszusammenhänge zwischen den verschiedenen Faktoren im Komplex des gesellschaftlichen Wandels liegt es nahe, danach zu fragen, ob die Potenziale des Alters weiterhin unbeachtet bleiben dürfen, wenn es darum geht, den Wandel besser zu beherrschen und ihm eine sozial verträglichere und zukunftsfähigere Richtung zu geben. Das Aufspüren der Potenziale des Alters verlangt, dass sehr unterschiedliche Richtungen eingeschlagen werden. Nur so wird es gelingen, die Vielfalt der Dimensionen dieses Potenzials erkennbar werden zu lassen: Relevante Dimensionen sind zum Beispiel:

Das soziale Solidaritäts- und Stabilitätspotenzial

Es gäbe längst ein soziales Chaos, wenn nicht auch die Älteren im Hilfeaustausch und in der zwischenmenschlichen Kommunikation der sozialen Netze (Familie, Verwandtschaft, Freundschaft, Nachbarschaft) alltäglich bedeutende aktive Leistungserbringer wären. Zu den eindrucksvollen Belegen, die die Netzwerkforschung

Borchers, Andreas: Soziale Netzwerke älterer Menschen. In: Wohnbedürfnisse, Zeitverwendung und soziale Netzwerke älterer Menschen. Expertisenband 1 zum Zweiten Altenbericht der Bundesregierung. Hrsg.: Deutsches Zentrum für Altersfragen. — Frankfurt 1998, S. 176–200

bereitstellt, gehört auch, dass diese Leistungen nicht allein von der weiblichen Welt erbracht werden, sondern (zunehmend) auch von älter werdenden Männern.

Die soziale Lebensqualität eines Gemeinwesens beruht nicht vorrangig auf den Leistungen von unterstützenden oder ergänzenden Diensten der Infrastruktur. Zudem wird das Potenzial der erwerbsberuflich helfenden jüngeren Hände - demographisch bedingt - immer knapper.

Das erwerbsberufliche Arbeitspotenzial

Das Potenzial der älterwerdenden Arbeitnehmer

Bullinger, Hans-Jörg (Hrsg.): Zukunft der Arbeit in einer altern den Gesellschaft. — Stuttgart 2001.= Broschürenreihe: Demographie und Erwerbsarbeit

wird bei stetig schmaler werdender Nachwuchsbasis und dadurch zunehmend alternder Belegschaften unverzichtbar. Durch sie erhalten die Jüngeren jene - überlebensnotwendige - Unterstützung, die der ihnen drohenden Überforderung entgegenwirkt. Ferner wird die Leistungskraft einer alternden Erwerbsbevölkerung nur durch eine neuartige Integration des Neuwissens der Jüngeren und des Erfahrungswissens der Älteren zur wettbewerbsfesten Entfaltung gelangen können.

Das Kornpetenzpotenzial

Als weitere Langfristwirkung einer Alterung, die nicht als Herausforderung zu strukturellen Veränderungen verstanden wird, droht eine Innovationskluft. Die Sicherung der Innovationskraft aller Gesellschaftssektoren erfordert seitens der Träger von Innovation den Einbezug des Potenzials der Älteren. Gelegenheiten zur produktiven Teilhabe der Älteren erfordern die rechtzeitige Entwicklung und Einübung intergenerationeller Kooperationsformen. Eine lebensphasengerechte produktive Teilhabe von Älteren

Baltes, Margret (Hrsg.): Produktives Leben im Alter. — Frankfurt a.M. 1996.

wird umso wirkungsvoller sein, je mehr es ihnen gelingt, die speziellen Kompetenzen substanziell einzubringen und dabei Arbeitsfelder und Arbeitsformen ihren Interessen entsprechen. Die Kooperation der Generationen ist für die Förderung der Innovationsdynamik einer alternden Wissensgesellschaft unverzichtbar, auch durch die Integration des unterschiedlichen Denkens von Jung und Alt. Ebenso unverzichtbar ist die Berücksichtigung praktischer Fähigkeiten und Erfahrungen, die ältere Frauen und Männer in die Zusammenarbeit mit Jüngeren einbringen.

Das marktbezogene Nachfragepotenzial

Dem Wandel der Altersstruktur entsprechend nimmt die Bedeutung der Älteren als (regionale) Nachfragemacht

Ökonomische Ressourcen im Alter. In: Dritter Bericht zur Lage der älteren Generation. Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. —Berlin 2001, S. 185–211

zu. Die Nachfrage nach Gütern und insbesondere die Nachfrage nach Dienstleistungen hat erhebliche positive Auslastungs- und Arbeitsmarkteffekte. Regional- und Stadtmarketing, das diese Effekte nicht gebührend beachtet, ist in Gefahr, ähnliche Fehler zu machen, wie die Werbewirtschaft, die, auf Jüngere fixiert („Jugendwahn“), vor den Älteren und dem Alter eher „Angst“ zu haben scheint. Nachfrage durch Ältere schafft nämlich auch Arbeit für Jüngere.

Das nachberufliche und nachelterliche Zeitpotenzial

In den modernen Gesellschaften ist Zeit eines der kostbaren Güter. Die Zeit, die in der Lebensphase zwischen Erwerbsarbeit und Hochaltrigkeit liegt, stellt in ihrem verfügbaren Volumen ein enormes Potenzial dar

Wo bleibt die Zeit? Hrsg.: Statistisches Bundesamt/Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. — Wiesbaden 1994 Küster, Christine: Zeitverwendung und Wohnen im Alter. In: Wohnbedürfnisse, Zeitverwendung und soziale Netzwerke älterer Menschen. Expertisenband 1 zum Zweiten Altenbericht der Bundesregierung. Hrsg.: Deutsches Zentrum für Altersfragen. — Frankfurt 1998, S. 51–175

. Bei Eltern - insbesondere bei den Müttern - kommt hinzu, dass bei den in der Regel wenigen in der Familie herangewachsenen Kindern die Phase, nachdem das jüngste Kind das Elternhaus verlassen hat bis zum Erreichen zunächst des Rentenalters und dann der Hochaltrigkeit, auch familienbedingt völlig andere zeitliche Handlungsspielräume eröffnet, als dies in Zeiten mit hohen Kinderzahlen und geringerer Lebensdauer der Fall war.

In den Dialog und die Zusammenarbeit der Generationen bringen die Älteren nicht allein ihre Zeit an sich, sondern auch deren Ausstattung mit Fachkompetenzen und Daseinskompetenzen ein.

Familien und Familienpolitik im geeinten Deutschland: Zukunft des Humanvermögens. Fünfter Familienbericht. Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. — Bonn 1994 — BT-Drs. 9/1286, S. 243–245

Das Mobilitätspotenzial

Frei von erwerbsberuflichen Zeitzwängen erlangen die Älteren eine bis dahin nicht erreichbare Zeitsouveränität. In Verbindung mit der zunehmenden Mobilität

Mollenkopf, Heidrun; Flaschenträger, Pia; Werner, Steffen: Wohnen und Mobilität Älterer. In: Regionales Altern und Mobilitäts-prozesse Älterer. Expertisenband 2 zum Zweiten Altenbericht der Bundesregierung. Hrsg.: Deutsches Zentrum für Altersfragen. — Frankfurt 1998, S. 264–350

entstehen erheblich vergrößerte Aktionsräume, in denen sich die private und gesellschaftliche Teilhabe entfalten kann. Das Mobilitätspotenzial der Älteren berührt neben der souveränen Verfügung über Zeit unter anderem auf der verbesserten körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit, auf dem steigenden Motorisierungsgrad, auf den Erfahrungen, die durch Nutzung (komplexer) öffentlicher Verkehrsträger gewonnen wurden, auf fortschreitenden Barrierenabbau usw.

Das zeitgeschichtliche Potenzial

Zukunftsgerichtetes Denken und Handeln steht ohne geschichtliche Verwurzelung auf schwankenden Grundlagen. Ohne den Beitrag zeitgeschichtlicher Zeugen

Zeitzeugenbörse e.V., Berlin. Internet: www.zeitzeugenboerse.de

der Ereignisse und Entwicklungen, die die Gegenwart prägten, ist die jüngste Vergangenheit in der Regel nicht zu erfassen und zu verstehen. Mit den Potenzialen des historischen Gedächtnisses der Älteren (persönliche Dorf-, Stadt- und Landschaftsgeschichten) kann es den jüngeren Akteuren eher gelingen, die heutige Ausgangslage zu verstehen und den angemessenen Entwicklungspfad zu finden.

Das Selbsthilfe- und Partizipationspotenzial

Der sozial-demographische Wandel erfordert in verstärktem Maße neben dem intergenerationellen Hilfetausch auch die Ausweitung der intragenerationellen gegenseitigen Hilfe der Älteren.

Kohli, Martin; Künemund, Harald: Partizipation und Engagement älterer Menschen — Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektiven. Expertise zum Dritten Altenbericht der Bundesregierung. Hrsg.: Deutsches Zentrum für Altersfragen. — Frankfurt 2000

Selbsthilfe setzt Selbstverantwortung und Befähigung zur Hilfeleistung voraus. Dies können die Älteren auf der Grundlage ihrer erprobten unterschiedlichen Erfahrungswelten und Kompetenzen durch Zusammenarbeit in erheblichem Umfang einbringen. Durch das Einbringen ihrer Erfahrungsvielfalt werden Einseitigkeiten vermieden und die Bewältigung des Alltags durch gemeinschaftliche Initiativen erleichtert, nicht selten erst ermöglicht.

Das bürgerschaftliche Wählerpotenzial

Politik, die die Interessen aller Generationen - auch die der Jüngeren - im Blickfeld hat, wird die erforderliche Zustimmung durch Wählerentscheidungen nur dann erhalten, wenn die Älteren für die erforderlichen Mehrheiten zugunsten der Zukunft sorgen

Kohli, Martin; Neckel, Sighard; Wolf, J.: Krieg der Generationen? Die politische Macht der Älteren. Hrsg.: Niederfranke, A.; Naegele, G.; Frahn, E. In: Funkkolleg Altern 2. Lebenslagen und Lebenswelten, soziale Sicherung und Altenpolitik. — Opladen, Wiesbaden 1999

.

Die Wahlen zeigen mit der Wahlbeteiligung, dass die Älteren diese Verantwortung tatsächlich haben. Zum Beispiel zeigte die Landtagswahl 2003 in Niedersachsen

Ergebnisse der repräsentativen Wahlstatistik zur Landtagswahl am 2. Februar 2003. In: Statistische Monatshefte Niedersachsen 8/2003. — Hannover 2003, S. 439–448 Ein Wahlrecht von Geburt an? In: DFV-Familie, Heft (2003) 2, S. 8–11

die niedrigste Wahlbeteiligung bei den unter 30-Jährigen und die höchste für die viel größere (und daher besonders ins Gewicht fallende) Gruppe der über 50-Jährigen.

Somit hängt die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft im Ganzen, also nicht allein die naheliegende Zukunft der Alten, von der Wahrnehmung der Verantwortung für die Zukunft aller durch die Älteren ab. Kinder haben kein Wahlrecht, sie sind jedoch auf zukunftsgerichtete Entscheidungen besonders angewiesen.

Hier breche ich meine beispielhaften Hinweise auf die Potenziale der Älteren ab. Vor diesem Hintergrund liegen viele Fragen nahe. Es handelt sich auch um Fragen an die raumwissenschaftliche Politikberatung. Sie ist durch die Alterung zweifellos herausgefordert. Ist sie aber auch umfassend vorbereitet? Ist sie gerüstet durch erhellende und verknüpfende Forschung und durch phantasievolle Konzeptentwicklung?

Zur Erweiterung strukturpolitischer und regionaler Handlungsstrategien

Im Blick auf Strukturpolitik und regionale Entwicklung geht es angesichts der Potenziale des Alters um Strategien, die sich nicht auf bewährte Anpassungskonzepte allein konzentrieren, sondern auch helfen, durch erweiterte Blickwinkel die im demographischen Wandel liegenden Chancen nicht zu übersehen.

Politikstrategie in der alternden Gesellschaft muss für eine Balance zwischen Gegenwartsgenuss und Zukunftssicherung sorgen. Politik, die sich Mehrheiten durch das Verwöhnen einer Generation, zum Beispiel die der Älteren verschaffen wollte, würde Entsolidarisierung bewirken. Eine bedeutende Komponente integrativer Strukturpolitik ist das Schaffen von Lebensbedingungen, die den Bedürfnissen der Menschen jeden Lebensalters entsprechen. An den Lebenslagen orientierte Strukturpolitik muss der Bedeutung gerecht werden, die die differenzierte Pflege des Humanvermögens für die Überlebensfähigkeit und Kultur der alternden Gesellschaft hat. Dazu gehört, dass nicht einseitig die Risiken des Alters im Zentrum der Diskussion stehen sondern in vergleichbarer Intensität auch die Potenziale des Alters als Chance berücksichtigt werden. In den Forschungs- und Entwicklungskonzepten wird sich niederschlagen müssen, dass neuartige Lebens- und Kooperationsformen der Generationen ein Gebot der Zeit sind.

Ohne eine deutliche und umfassende Generationenorientierung, die viel mehr sein muss als quantitative Anpassung an veränderte Bevölkerungszahlen und -Strukturen, sind regionale Entwicklungskonzepte in Gefahr, jenen Ziel- und Handlungskorridor zu verfehlen, der für das Gemeinwesen positive Perspektiven, Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit erreichbar macht.

Geißler, Clemens: Urbanität durch Solidarität —Konzepte und Konflikte einer generationenbezogenen Stadtentwicklung. In: Wohnen im Alter — baulich-räumliche Strategien für eine nachhaltige soziale Strukturpolitik in Brandenburg. Hrsg. Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr des Landes Brandenburg. — Potsdam 2002. S. 86–93

Herausragendes qualitatives Merkmal der neuartigen Generationenorientierung ist der Perspektivenwechsel: Nicht allein Jugend, sondern auch Alter ist Triebkraft der Entwicklung. Die allgemein gebräuchliche Rede von einer sogenannten Überalterung übersieht nicht nur, dass es keine Kriterien und Maßstäbe dafür geben kann, wann Alterung in eine Überalterung übergeht, sondern dass dieser Begriff außerdem den Blick auf das Entwicklungspotenzial verstellt, das mit Alterung entsteht. Alterung ist nämlich nicht Niedergang, sondern Wandel der Potenziale.

Der demographische Alterungsprozess

Bucher, Hansjörg; Kocks, Martina; Siedhoff, Matthias: Regionale Alterung, Haushalts- und Wohnungsmarktentwicklung. In: Regionales Altern und Mobilitätsprozesse Älterer. Hrsg.: Deutsches Zentrum für Altersfragen. — Frankfurt 1998, S. 14–69

verändert die regionalen Verhältnisse deutlich; somit ist es unumgänglich, in jeder Region eine spezifische Strategie zu entwickeln, denn Alterung ist weder nur ein Phänomen verdichteter Zentren oder allein peripherer Regionen. In jeder Region wachsen die Potenziale des Alters, und auch Wanderungen können diesen Wandel weder grundlegend aufhalten noch umkehren. Bestenfalls können sie eine Entwicklung stärken oder abschwächen.

Initiativen zur intergenerationellen Zusammenarbeit

Zwar ist (noch) vorherrschend die Defizithypothese über Alter und Altern, jedoch sind auch positive Ansätze, die der Verschleuderung des Humanvermögens der Älteren entgegenarbeiten, unübersehbar. Auf zwei Initiativen will ich - als Beispiele für viele andere - hin- weisen: den 1983 gegründeten Senior-Experten-Ser- vice (SES) und die 1997 gegründete Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Forschung im Alter (DGFFA).

Zukunft braucht Erfahrung - Der Senior-Experten-Service

Nach mehrjährigen Vorarbeiten begann der Deutsche Industrie- und Handelstag 1983 mit Förderung durch das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit den Aufbau des Senior-Experten-Service.

SES-Jahresbericht 2002. SES — Senior Experten Service. — Bonn 2003

Das Wissen und die Berufserfahrung von pensionierten Fach- und Führungskräften sollten durch ehrenamtlichen Einsatz in Entwicklungsländern genutzt werden. Im Laufe von 20 Jahren hat der SES über 5 000 Senioren zu fast 12 000 Einsätzen in 149 Länder entsandt. Seit der politischen Wende in Ostdeutschland und in Osteuropa arbeiten pensionierte Fachkräfte auch in den östlichen Bundesländern und in den ehemaligen RWG-Staaten. 1994 begannen - nach einer Satzungsänderung - Senior Experten auch in Unternehmen der westlichen Bundesländer tätig zu sein.

Mit dieser Erweiterung der Einsatzgebiete ging auch ein Wandel gewünschter Qualifikationen der Senioren einher. In den Entwicklungs- und Schwellenländern arbeiteten vornehmlich Techniker. Im Inland sind kaufmännische, betriebswirtschaftliche und marketingbezogene Kenntnisse besonders gefragt.

Der SES führt seine erfolgreiche Arbeit auch auf die gute Zusammenarbeit der ehrenamtlich tätigen Senioren mit den 40 hauptamtlichen Mitarbeitern der Geschäftsstelle zurück. Seine Devise lautet: Zukunft braucht Erfahrung.

Dialog und Kooperation der Generationen - Die Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Forschung im Alter

Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gründeten im Jahr 1997 die Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Forschung im Alter. Der Autor dieses Beitrags gehörte zu den Initiatoren. Die Gesellschaft will durch ihre Aktivitäten

auf das wachsende Entwicklungspotenzial, das die Älteren in der alternden Gesellschaft darstellen, aufmerksam machen,

auf die Gefahr der Überforderung der Jüngeren in der strukturellen Alterung hinweisen und die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der Generationen einsichtig machen,

die Wissens- und Erfahrungspotenziale der älteren Generation erschließen und die Teilhabe von Frauen und Männern der älteren Generation am produktiven Wissens- und Erfahrungstransfer zugunsten der gesellschaftlichen Entwicklung fördern,

das Interesse von Akteuren in Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung, Gesellschaft an der Mitwirkung der Älteren und an einer neuartigen Zusammenarbeit der Generationen wecken und zu konkreten Vorhaben in ihren Arbeitsfeldern anregen.

Die Arbeitsweise der Gesellschaft ist vor allem anregender Art. Sie vollzieht sich ehrenamtlich, ohne hauptberufliche Mitarbeit und in der Regel im Rahmen von Kooperationsprojekten. Die Kooperationspartner sind die operative Ebene. In besonderen Fällen, insbesondere bei Vorhaben, an denen mehrere operativ tätige Einrichtungen Zusammenarbeiten, beteiligt die Gesellschaft eine unterstützende und koordinierende Agentur, wie zum Beispiel beim „Generationen- Netzwerk Umwelt“, bei dem das Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung (ies) an der Universität Hannover diese Aufgabe erfüllt.

Vor dem Hintergrund von Erfahrungen, die die DGFFA inzwischen gewinnen konnte, lässt sich am Beispiel von vier ausgewählten Handlungsfeldern die Relevanz der „Ressource Alter“ für die räumlich-gesellschaftliche Entwicklung auch konkret verdeutlichen:

Handlungsfeld: Öffentlicher Diskurs

Einladungen zu Veranstaltungen, die der öffentlichen interdisziplinären Diskussion des Perspektivenwechsels dienen, stoßen auf breite Resonanz. Sie geben zu zahlreichen anschließenden Aktivitäten den motivierenden Anstoß. Dazu gehören drei Tagungen, die in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Loccum durchgeführt wurden.9,

Alter für die Zukunft — Rahmenbedingungen des Wissens- und Erfahrungsaustauschs zwischen den Generationen. Hrsg.: Hüttig, Christoph; Olejniczak, Claudia; Steinberg-Peter, Petra. — Rehburg-Loccum 2000.=Loccumer Protokolle 63/99

,

Die Zukunft der Zusammenarbeit zwischen den Generationen. Hrsg.: Freese, Gisela; Olejniczak, Claudia; Steinberg-Peter, Petra. — Rehburg-Loccum 2001.=Loccumer Protokolle 60/00

Das Gewicht, das die regionalen Potenziale qualifizierter Älterer in einer großstädtischen Hochschulregion darstellen, ist besonders stark. Dies zeigte das Echo auf eine Einladung von Universität und DGFFA zu einer gemeinsamen Veranstaltung „Innovation und Alter“, als anstatt von 100 erwarteten mehr als 350 im Ruhestand lebende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Hochschulen sowie jene älteren Damen und Herren, die nach ihrer außeruniversitären Berufstätigkeit an der Universität wissenschaftlich arbeiten, an dieser Vortrags- und Diskussionsveranstaltung teil- nahmen.

Handlungsfeld: Kommunalentwicklung

In einer Stadt mit rund 50 000 Einwohnern, die - wie andere Städte auch - auf zahlreiche offene Fragen mit strittigen Antworten umzugehen hatte, fanden sich auf Anregung der DGFFA männliche und weibliche Fachleute verschiedener Professionen, die sich in der nachberuflichen Lebensphase befanden, in einer „Initiativgruppe Stadtforum“ zusammen. Es zeigte sich, dass in der Bürgerschaft reichlich Sachverstand schlummerte und zwar auf zwei Ebenen: Zum einen waren es die eigenen Qualifikationen und Erfahrungen, zum anderen waren es die aus der Berufswelt bewährten fachlichen Netzwerk-Verbindungen. Dies stellte sich deshalb als bedeutend heraus, weil es so gelang, externe Fachleute bei den Stadtforen jeweils zu beteiligen.

Inzwischen werden in 16 Stadtforen aktuelle kommunalpolitische Probleme diskutiert. Dieser Prozess der offenen Stadt-Kommunikation hat in den Beratungen und Entscheidungen des Stadtrates vielfältige Spuren gezeichnet. Dies ist die Folge einer hohen Präsenz der Ratsmitglieder aller Fraktionen bei den Foren als auch eine Frucht der vorausgehenden Mitwirkung aktiver und ehemaliger Mitglieder des Rates, die die Fraktionen benannt hatten, in der Initiativgruppe.

Die Stadtforen aktivierten und förderten das bürgerschaftliche Engagement älterer Fachleute, erschlossen fachliche, örtliche und überregionale Kompetenzen, über die weder Rat noch Verwaltung verfügten, gewährleisteten die zeitnahe offene Diskussion wichtiger Problemlagen, ohne auf langwierige (einseitige) Gutachten angewiesen zu sein, für die angesichts der kommunalen Finanzsituation ohnehin meist keine Mittel hätten bereitgestellt werden können. Bemerkenswert ist die Erfahrung, dass sich Fachämter der Stadtverwaltung an der Diskussion nur dann beteiligten, wenn sie ausdrücklich zur Mitwirkung gebeten würden, ganz im Gegensatz zur steten aktiven Beteiligung von Verwaltungsspitze und zum Rat.

Handlungsfeld: Hochschule

Auch im Hochschul- und Wissenschaftssystem geht es um mehr als den im Vordergrund stehenden quantitativen Rückgang der Jahrgangsstärken. Angeregt durch die DGFFA beginnen verschiedene Hochschulen, die im demographischen Wandel liegenden Herausforderungen offensiv für die eigene Zukunftssicherung zu identifizieren. Handlungsansätze sind:

Durch Differenzierung / Erweiterung des Lehrangebots sollen künftige Hochschulabsolventen auf Veränderungen ihrer beruflichen Handlungsfelder vorbereitet werden. Unübersehbar ist die Betroffenheit zum Beispiel in den Kulturwissenschaften, in den Technikwissenschaften, in den Wirtschaftswissenschaften oder in den Disziplinen des Bauwesens und der Raumwissenschaften.

In der alternden Gesellschaft sind die Lehrangebote der Hochschulen nicht mehr allein auf die Erwerbstätigkeit sondern auch auf die (freiwilligen) Tätigkeiten in der nachberuflichen Zeit auszurichten. Die selbstbestimmte aktive Lebensphase der „gewonnenen Jahre“ schließt zunehmend Bildungs-, Studien- und Forschungsleistungen ein. Es geht inzwischen um viel mehr als um ein „betreutes Schnuppern von Senioren“.

Mit der intergenerationellen Zusammenarbeit in Forschung und Lehre wird Neuland betreten. Eine Universität ist dabei, das Konzept der Seniorprofessuren zu entwickeln und umzusetzen. Sie wird pensionierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einladen, projektbezogen und zeitlich befristet mit jüngeren im aktiven Dienst stehenden Mitgliedern des Lehrkörpers zusammenzuarbeiten. Eingeladen werden sowohl ehemalige Mitarbeiter des Wissenschaftsbereichs als auch Persönlichkeiten, die in der Praxis tätig waren. Angestrebt wird eine neuartige Integration von Neuwissen und Erfahrungswissen durch eine ebenfalls neuartige Zusammenarbeit der Wissenschaftsgenerationen aus Praxis und Forschung.

Handlungsfeld: Umwelt

Angeregt durch die DGFFA förderte die Deutsche Bundesstiftung Umwelt das bundesweite Vorhaben „Alter für die Umwelt“, ein Programm zur Förderung nachberuflicher, freiwilliger, generationsübergreifender Arbeit Älterer im Umweltbereich in Bildung und Beratung, Forschung und Entwicklung.

Olejniczak, Claudia: Alter für die Umwelt —Verlauf und Ergebnisse eines Modellprogramms zur Förderung nachberuflichen freiwilligen Engagements im Umweltbereich. Hrsg.: Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Forschung im Alter/Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung an der Universität Hannover. — Hannover 2001.=IES-Bericht 109.01

Auf der Grundlage der in diesem Vorhaben gewonnenen Erfahrungen entwickelten sich verschiedene Folge-Initiativen. Zum Beispiel:

„Versum e.V.“ - in Halle als eine Arbeitsplattform von naturwissenschaftlich/- technisch hochqualifizierten Senioren, die in Wissenschaft oder Fachverwaltungen tätig waren

Projekt „Senioren im Emsland aktiv für die Umwelt“

Kuhlmann, Kirsten: Senioren im Emsland — Dokumentation. Hrsg.: Historisch-Ökologische Bildungsstätte Emsland in Papenburg. — Papenburg 2003

als ein Vorhaben, das sich in einer Region mit geringer Akademikerdichte an Ältere mit anderen Bildungserfahrungen und praktischen Fähigkeiten richtet

Bundesweites Vorhaben „Generationen-Netzwerk Umwelt

Generationennetzwerk Umwelt http://www.Generationennetzwerk.de

, in dem koordiniert durch die Agentur IES, acht sehr verschiedenartige Umweltbildungsein-rich-tungen bei der Implementation neuer Wege der generationenübergreifenden umweltbezogenen Arbeit miteinander kooperieren und ein für alle Interessierte offenes Netzwerk der Umweltkommunikation aufbauen

Mehrgenerationennetzwerk - die Akademie für Raumforschung und Landesplanung

An dieser Stelle darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Akademie für Raumforschung und Landesplanung selbst auch ein beispielhaftes Mehrgenerationen- Netzwerk ist. Sie ist nicht nur ein Netzwerk, das Wissenschaft und Praxis verknüpft, oder ein interdisziplinäres Netzwerk. Das Verzeichnis der Mitwirkenden und die Darstellung der Arbeitsweisen belegen dieses eindrucksvoll.

VADEMECUM 2003/2004. Hrsg.: Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL). — Hannover 2003

Der Autor dieses Beitrags hat als junger Wissenschaftler von den Nestoren der Akademie ermutigende Anregungen und Hilfen erhalten. Im Blick auf die Zukunft ist die Akademie zunehmend darauf angewiesen, dass die Weiterentwicklung des Dialoges und die Zusammenarbeit der Generationen innerhalb der Akademie durch den Rechtsrahmen, in dem sie tätig ist, wirksam gefördert wird.

Dass das Erfassen, Darstellen und Aktivieren von regionalen Potenzialen der älteren Generation überwiegend als ein zukunftsorientiertes Arbeitsfeld der Raumforschung und Raumentwicklung angesehen wird, war das ermutigende Ergebnis der Erfurter Akademieveranstaltung. Allerdings müssen auch die gesellschaftlichen Hindernisse, die als Vorurteile, tradierte Rollenbilder, rechtliche Inflexibilität, Besitzstandsdenken u.a.m. einer neuen Kultur des Dialogs und der Zusammenarbeit der Generationen entgegenstehen, ernstgenommen und im Diskurs abgebaut werden. Dabei sollte die alte Volksweisheit beherzigt werden, dass am ehesten gute Beispiele die schlechten Sitten verderben können.

Ermutigende Schlussbemerkung

Die in diesem Beitrag skizzierten Reaktionen auf die demographischen Herausforderungen würden jenem Leitbild für das Älterwerden und Altsein gerecht werden, das die Sachverständigenkommissionen der Bundesregierung zur Lage der älteren Generation

Zweiter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland. Wohnen im Alter. Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Berlin 1998. — BT-Drs. 13/9750 Dritter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland: Alter und Gesellschaft. Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. — Berlin 2001. =BT-Drs. 14/5130

als zukunftsorientiert skizziert hat. Dazu gehört die Verantwortung der Politik (und der politikberatenden Wissenschaft) für Rahmenbedingungen, welche in der alternden Gesellschaft für beide Geschlechter, für alle Altersgruppen und sozialen Milieus, für die verschiedenen Grade der Qualifikation und der Hilfsbedürftigkeit in allen Regionen ein sinnerfülltes Leben bei lebensräumlicher Vielfalt ermöglichen.

Um die Wege zu diesem Ziel hin erreichen zu können, ist der Perspektivenwechsel, der auch die Potenziale des Alters als Triebkräfte der gesellschaftlichen Entwicklung in die Entwicklungsstrategien einbezieht, unumgänglich weil notwendig.

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