1. bookVolume 58 (2000): Issue 4 (July 2000)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Rezensionen

Published Online: 31 Jul 2000
Volume & Issue: Volume 58 (2000) - Issue 4 (July 2000)
Page range: 359 - 359
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Kabisch, Sigrun; Linke, Sabine (Bearb.); Funck, Ortrud (Mitarb.): Revitalisierung von Gemeinden in der Bergbaufolgelandschaft. - Opladen 2000. 298 S. =  Forschung Soziologie. Bd. 97

Auf den ersten Blick hin ist dies eine Gemeindestudie herkömmlicher Art. Dach es ist eine vorbildlich „vergleichende” Gemeindestudie; denn es werden „sämtliche verfügbaren Daten” von 14 kleineren Gemeinden miteinander verglichen. Die verschiedenen „Abhängigkeitsebenen” der Gemeinden werden untereinander in Beziehung gesetzt. Zuerst sind auch deren „regionale Ausgangsbedingungen” angeschaut worden. Umsichtig wurden alle üblichen Daten erhoben, bis hin zu den beliebten Fragen nach der „Wohnzufriedenheit” und den „Nachbarschaftsbeziehungen”. Wer vermag unmittelbar etwas mit diesen detaillierten Daten anzufangen? Vornehmlich sind es die „Planer” der Umgebung und der nahen Großstadt, gelegentlich sicher auch einige der betroffenen Bewohner.

Auf den ersten Blick fallen einige gemeindesoziologische Neuerungen auf: Es wird eine größere Anzahl von Gemeinden miteinander verglichen als bisher meist üblich. Vor allem aber wird die ganze akribische Prozedur des Datensammelns von vornherein in den Dienst von Veränderungsintentionen gestellt. Die gegen Ende des 20. Jahrhunderts oft sozial zerriltteten oder in ihrem Bestehen physisch bedrohten kleinen Gemeinden sollen „wiederbelebt” werden. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte eine exzessive Kriegswirtschaft sie tiefgreifend verändert; eine unnachsichtig vorgehende Energie-Mangelwirtschaft der (einst auf die Braunkohle existentiell angewiesenen) Deutschen Demokratischen Republik hatte sie weiter bedroht, dezimiert oder gänzlich zerstört.

Auf den zweiten Blick hin lässt sich sagen: Diese Studie, die viele kleinere Gemeinden vergleicht, stellt den Planem empirische Daten für den möglichst raschen Wandel der Verhältnisse zur Verfügung. In diesem Sinne kann ich der abschließenden These zustimmen: „Das am Beispiel der Tagebaurandgemeinden entwickelte Revitalisierungsmodell ist auf niedergegangene und erodierte kommunale Einheiten übertragbar und damit verallgemeinerungsfähig” (S. 280).

Und auf einen dritten Blick hin kann festgestellt werden: Auf eigentümliche Weise haben „Gemeindestudi-en” dieser Art in den europäischen Staaten fast alle eine sehr ähnliche Perspektive behalten - zeitweise im Gegensatz zu einigen Gemeindestudien in den USA. Unsere Forscherinnen blicken stets in erster Linie auf die Gemeindebewohner oder die Wohnbürger, ohne jeweils viel auszusagen über die in diesen oder für diese Gemeinden agierenden mächtigeren Akteure. Warum übernehmen sie dabei (meist wohl kaum bewusst) auch die Sprache der tonangebenden Planer und Ingenieure? Solche behördlichen Beamten oder industriellen Manager (oder Banker) mögen von einer „Bergbaufolgelandschaft”, von „Tagebaurandgemeinden”, von einer Gemeinde am Tagebaurestloch oder von einem Braunkohleveredlungswerk sprechen. Weshalb bleiben die eigentlichen Macht- und Entscheidungszentren empirisch ganz außer Betracht, wie Industrieunternehmen oder die „Treuhand”, wie erst recht - angesichts der relativ hohen Arbeitslosigkeit - die Akteure der politischen Parteien und wichtigeren Zentren des modernen Sozialstaates? Haben nicht alle trotz ihrer oft fernen, je besonderen Organisationszentren doch auch ihre örtlichen Akteure? Und bestimmen diese Menschen nicht bisweilen maßgeblich, was am Ort in der Gemeinde tatsachlich geschieht oder schweigend verhindert wird?

Ich wünsche der eindrucksvollen Studie von Sigrun Kabisch und Sabine Linke eine weite Verbreitung und intensive fachliche Diskussion.

Peter Reinhart Gleichmann (Hannover)

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