1. bookVolume 57 (1999): Issue 1 (January 1999)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Native and Alien Sociology

Published Online: 31 Jan 1999
Volume & Issue: Volume 57 (1999) - Issue 1 (January 1999)
Page range: 14 - 24
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eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
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6 times per year
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German, English
Abstract

This article describes the reconstruction of an experiment undertaken within a sociological analysis of the history of spatial planning and spatial research in Germany. This discrepancy between the tendency among members of the study group in spatial planning to lay claim to omnicompetence and the inversely proportional level of achievement which spatial planning has effected in the past – a matter which newcomers to sociology initially have some trouble comprehending – has developed increasingly into a source of irritation. It is only the more recent realisation that the intensity of this irritation can at least partly be explained by the fact that it has exposed deficits in sociology itself, albeit unwittingly, which has led to some particularly interesting insights into the effects of thinking on civilisation in spatial research and spatial planning.

Einleitung

Bei der Arbeit an einem Vortrag wie dem vorliegenden

Bei dem vorliegenden Beitrag handelt es sich um eine überarbeitete und ergänzte Fassung des Habilitationsvortrags des Autors vor der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Hannover am 5.11.1997.

kann es leicht passieren, daß einen der Wunsch nach vollkommener Beherrschung seines Gegenstandes antreibt, obwohl man es doch zunehmend für möglich hält, daß die eigenen Ressourcen und Kompetenzen durchaus begrenzt sind. Wenn sich nun in bezug auf den Untersuchungsgegenstand, die Entwicklung des Denkkollektivs der deutschen Raumplaner und Raumforscher, deren Selbstüberforderung durch mangelnde Selbstbegrenzung, durch das Festhalten an einem tendenziellen Allkompetenzanspruch, als das vielleicht unverzichtbarste Erklärungsmuster herauskristallisiert, so gibt das zu denken: Eine fragmentarische Collage von Erklärungsbausteinen mag so im folgenden bereits in der Darstellungsform die eigene Distanz zum darzustellenden Thema bezeichnen: dem Traum von total durchgeplanter Raumordnung.

Verortung

Im Gegenzug komme ich meiner Untersuchungsgruppe nun einen Schritt entgegen. Ich habe gelernt, daß der räumliche Bezug sozialen Handelns nicht vernachlässigt werden sollte. Mein soziales Handeln ist gegenwärtig ein Vortrag über Raumplaner und -forscher in einem Raum der Universität Hannover. Wenn man über die deutschen Raumplaner spricht, ist es allerdings unumgänglich, Bezüge zu Niedersachsen, seiner Hauptstadt und deren Universität herzustellen. Deutschlands mächtigster Raumplaner, Heinrich Himmlers Chefplaner Konrad Meyer, hat seine Nachkriegslaufbahn als Ordinarius und Leiter des jetzigen Instituts für Landesplanung und Raumforschung dieser Universität fortgesetzt. Von hier aus hat er auch die bundesdeutsche Raumplanung und -forschung entscheidend geprägt. Der bis vor kurzem noch für die bundesdeutsche Raumordnung verantwortlich zeichnende Minister Klaus Töpfer ist beurlaubter Professor an eben diesem Institut. Was die Bundesebene der Raumordung betrifft, so ist diese über den langjährigen niedersächsischen Landesplaner Prof. Kurt Brüning und auf Initiative zweier niedersächsischer Politiker der Deutschen Partei, vormals Niedersächsische Heimatpartei, ins Grundgesetz gelangt.

Vgl. Waldhoff, H.-P.; Fürst, D.; Böcker, R.: Anspruch und Wirkung der frühen Raumplanung. Zur Entwicklung der Niedersächsischen Landesplanung 1945 – 1960. – Hannover 1994, S. 47 ff.

Der Geograph Brüning war es auch, der als letzter Präsident der von Konrad Meyer gegründeten Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung diese aus dem zerbombten Berlin nach Hannover rettete. Brüning war längst wieder, wie vor 1933, Mitglied der SPD; engste Kontakte unterhielt er zugleich zur Deutschen Partei, dies schon als stellvertretender Leiter des Niedersächsischen Heimatbundes. Diese Kombination überrascht weniger, wenn man berücksichtigt, daß der Sozialkonservatismus neben der Konservativen Revolution, der Heimatschutz- und der völkischen Jugendbewegung zu den prägenden gesellschaftspolitischen Einflußfaktoren in der formativen Periode der deutschen Raumplanung während der Weimarer Republik gehört hat. Es sei auch vermerkt, daß der einflußreiche Raumplaner und -forscher Wilhelm Wortmann – wie die meisten seiner Generation und Berufsgruppe ein Verehrer von Wilhelm Heinrich Riehl, dem herausragenden Vertreter einer organizistischen Gesellschaftslehre des 19. Jahrhunderts – Ende der 50er bis Anfang der 60er Jahre Rektor der damaligen Technischen Hochschule und heutigen Universität Hannover gewesen ist.

Erste Begegnung

Es ist nicht nur nützlich, fremdes Wissen zu lokalisieren und zu datieren, sondern insbesondere auch eigenes Wissen zu situieren oder zu kontextualisieren. Das macht Verallgemeinerungsschritte nachprüfbarer und vermeidet vor allem Scheinabstraktionen, die in Wirklichkeit oft auf besonders spezifischen, aber verschwiegenen Kontexten beruhen.

Vgl. Thrift, N.: Spatial Formations. – London, Thousand Oaks, New Delhi, z.B. S. XII, S. 120 f.

Zugleich ist es eine der möglichen Techniken, jenes heimliche Curriculum des herrschenden Typs der Verhaltenswissenschaften zu verlernen

Vgl. zu einem anderen Aspekt dieses Versuchs: Wallerstein, I.: Die Sozialwissenschaft „kaputtdenken“: Die Grenzen der Paradigmen des 19. Jahrhunderts, Teil III: Konzepte von Zeit und Raum. – Weinheim 1995, S. 153 –180

, das verlangt - spätestens vor einer Veröffentlichung – alles Lebendige zu streichen.

Vgl. Devereux, G.: Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. – Frankfurt a.M. 1984, z.B. S. 115. Zu einer anderen dieser Techniken vgl. Engler, W.: Über Humor in der Soziologie. In: Barlösius, E.; Kürsat-Ahlers, E.; Waldhoff, H.-P.: Distanzierte Verstrickungen: Die ambivalente Bindung soziologisch Forschender an ihren Gegenstand. – Berlin 1997, S. 13 –28

Meine erste Begegnung mit Raumplanung liegt über zehn Jahre zurück. Einer meiner Zeitverträge als wissenschaftlicher Mitarbeiter führte zu meiner Mitwirkung am Regionalen Raumordnungsprogramm des Großraumverbandes Hannover. Das Gesamtprojekt war sehr ehrgeizig, enthielt viel engagierte Arbeit. Das politisch-administrative Interesse entsprach eher den realen Einwirkungsmöglichkeiten der Raumplanung und war dementsprechend geringer.

Gleichwohl stellten sich die Einwirkungschancen dieser regionalen Raumplanung im Vergleich zu anderen Raumordnungsplänen als weniger ungünstig dar. Dies galt jedoch nur in-soweit, als eine offenere, kooperative Planungskultur wirksam wurde, die, wenn auch nicht systematisch und bewußt genug, die latenten hierarchischen Gesellschaftsbilder der hier analysierten älteren Raumplanung hinter sich ließ.

Für ein wissenschaftliches Interesse schien die Sache wiederum zu administrativ. Dann lernte ich die Ausnahme von dieser Regel kennen: Die Raumplaner hatten ein wissenschaftliches Pendant: die Raumforscher. Beide teilten auch ein Geheimnis. Das lautete: Raum ist alles. Folglich konnte man via Raum auf alles einwirken. Was niemanden interessierte und nichts bewirkte.

Zur institutionellen Vorgeschichte

Die Sache hat eine Vorgeschichte. Und deren Erforschung stellte sich als überraschend aufschlußreich heraus: wie so oft weniger die offizielle, als vielmehr eine bestimmte inoffizielle Geschichte. Zunächst zur offiziell-institutionellen Geschichte: Wie jede Gruppe, die sich einmal institutionalisiert hat, sind auch die Raumplaner in der Lage, ihre Vorgeschichte bis auf Adam und Eva zurückzuführen, die auch schon mit Bodenbearbeitung zu tun hatten. Der bedeutendste Teil der erfundenen Geschichte bezieht sich auf die Staats- und Cameralwissenschaften der merkantilistisch-absolutistischen Zeit. Die Realgeschichte kann man in Deutschland getrost mit der Weimarer Republik beginnen lassen, in der eine zunehmende Anzahl von Landesplanungsstellen geschaffen wurde. In Preußen beispielsweise 23 bis Anfang 1931, die auch bereits überregional vernetzt waren, deren Arbeit jedoch rechtlich kaum verankert war. Die einzige entsprechende Regelung vor 1918 war das Gesetz über den Zweckverband Groß-Berlin. Darin deutet sich bereits an, daß „Landesplanung“, später „Raumordnung“, zunächst eine administrative Reaktion auf das schnelle Wachstum großer Städte war: eine Idee zur Anpassung des Kontrollradius; sie versuchte die Verschiebung der Machtbalance zwischen Bewohnern und Gebietskörperschaften zu kompensieren.

Zu späteren Etappen dieses Prozesses vgl. Gleichmann, P.R.: Wandel der Wohnverhältnisse, Verhäuslichung der Vitalfunktionen, Verstädterung und siedlungsräumliche Gestaltungsmacht. In: ZIS, 5. Jg., H. 4 (Okt. 1976), S. 319–329

Die staatliche Institutionalisierung sowohl der Raumordnung auf Reichsebene als auch der Raumforschung erfolgte 1935. Die Reichsstelle für Raumordnung war als übergeordnete und überfachliche Planungsinstanz unmittelbar beim Reichskanzler angesiedelt. Sie sollte alle raumrelevanten staatlichen Planungen koordinieren und hatte einen Unterbau aus Landes- und Bezirksplanungsstellen. Die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung, das wissenschaftliche Pendant, sollte alle raumrelevanten Forschungen koordinieren. Sie hatte einen Unterbau aus Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung, in der die Raumforscher als übergeordnete Instanz die anderen Disziplinen koordinieren sollten. Sie war unter Führung von Konrad Meyer wirksamer als die administrative Raumplanung, bis es einer Variante derselben, entsprechend den NS- Strukturen, dadurch wirksam zu werden gelang, daß sie sich unmittelbar auf einen Gewaltapparat stützen konnte. Das war die Hauptabteilung Planung und Boden von Heinrich Himmler in dessen Eigenschaft als „Reichskommissar zur Festigung deutschen Volkstums“. Sie stand ebenfalls unter Leitung von Konrad Meyer.

„Das Ganze des menschlichen Seins“

Daß diese Raumplaner die totale Planung versuchten, verwundert nicht. Überraschender ist es, wenn man bei den Raumplanern nach dem Krieg, allerdings durchweg dieselben Personen, den gleichen sehr hochfliegenden Anspruch antrifft. Diesen hatte ein zeitgenössischer Beobachter zu Recht „eine mehr oder weniger wohlwollend geduldete Existenz am Rande des Staatsund Verwaltungsapparates“

Frank, L.: Entwicklungsplanung und Finanzwirtschaft. Vortrag auf der 16. Tagung der Arbeitsgemeinschaft der Landesplaner, Mainz, 15.3.1954

bescheinigt. Aus diesem „Standort“ heraus sieht es die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesplaner 1953 als ihre Aufgabe: „das Ganze des menschlichen Seins (…) vor drohenden chaotischen Vorgängen zu bewahren und bereits heraufbeschworene Ansätze dazu in gesunde Entwicklung zurückzuleiten (…) Das Ideal wäre die Koordination aller Kulturbestrebungen“.

Vgl. Landesplanung: Begriffe und Richtlinien. Vorschläge der Arbeitsgemeinschaft der Landesplaner der Bundesrepublik Deutschland, Februar 1953, S. 23–25

Denkstil und Denkkollektiv

Ludwik Fleck hat keine Raumordnungspläne aufgestellt, aber er hat, was schwieriger war, als polnischjüdischer Arzt und Wissenschaftstheoretiker Konrad Meyers Generalplan Ost überlebt. So können wir heute seine Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv

Fleck, L.: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache: Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. – Frankfurt a.M. 1980

fruchtbringend auf die Raumplaner und ihre einstige Zentralfigur anwenden. Jörg Gutberger führt in seiner umfassenden wissenschaftsgeschichtlichen und -soziologischen Studie über die Raumforschung im „Dritten Reich“ 143 Namen auf, die er als Angehörige der entsprechenden „Scientific Community“ einordnet.

Gutberger, J.: Volk, Raum und Sozialstruktur: Sozialstruktur- und Sozialraumforschung im „Dritten Reich”. – Münster 1996, S. 485–551

Aus seiner Studie geht auch hervor, daß dieser Gruppe bei allen Binnendifferenzierungen ein gemeinsames Paradigma, nennen wir es das Raumordnungsparadigma, zugeordnet werden kann. Aber der Begriff der „Scientific Community“ ist gerade in diesem Fall dem des Denkkollektivs weit unterlegen. Charakteristisch für die Einrichtungen und Verbände der „Raumforscher und Landesplaner“ sind ja gerade die Doppelnamen, die einen Zugehörigkeitsanspruch sowohl zur administrativen Planung als auch zu den Wissenschaften signalisieren, was auch ihrer personellen Zusammensetzung entspricht. Peter Gleichmann hat die daraus resultierenden Geltungsambivalenzen ihrer Aussagen sehr skeptisch kommentiert.

Gleichmann, P.: Vorwort zu Waldhoff, H.-P.; Fürst, D.; Böcker, R.: Anspruch und Wirkung der frühen Raumplanung, a.a.O. [siehe Anm. (2)], S. 1–2

Als Konvergenzlinie zeichnet sich eine Art raumbezogene Verwaltungswissenschaft ab, die nicht nur für Tendenzen einer Verwissenschaftlichung der Verwaltung steht, sondern auch solche einer Bürokratisierung des Wissenschaftsstils repräsentiert. Daraus resultiert ein Bild von Gesellschaft als Verwaltungsobjekt.

Der Doppelbegriff von Denkkollektiv und Denkstil soll im folgenden die wissenschaftliche Wahrnehmung auf die Verknüpfung von Ideengeschichte, Mentalitätsgeschichte und Gruppengeschichte richten.

Raum - Zeit - Symbole

Eine Korrektur des totalitär-essentialistischen und konservativen Raumparadigmas ergibt sich schon, wenn man „Raum“ in ein mehrdimensionales Modell einfügt. E. Cassirer hat in seiner Symboltheorie am Beispiel von „Naturvölkern“ gezeigt, daß bei aller Genauigkeit örtlicher Detailkenntnisse die Fähigkeit zu vereinheitlichender Synthese, wie sie etwa zum Zeichnen einer Karte erforderlich ist, noch nicht vorhanden war.

Vgl Läpple, D.: Essay über den Raum. In: Häußermann, H.: Stadt und Raum. Soziologische Analysen. – Pfaffenweiler 1991, S. 157 –207, hier: S. 202

N. Elias hat Entsprechendes für die „Zeit“ gezeigt: Sie ist eine soziale und individuelle menschliche Syntheseleistung, eine Orientierungstechnik in komplizierten Handlungsketten.

Elias, N.: Über die Zeit. – Frankfurt a.M. 1984

Deshalb müßten Raum und Zeit nicht nur aufeinander bezogen, sondern durch eine weitere Dimension ergänzt werden:

„Menschen sind Gestalten in Zeit und Raum und können jederzeit entsprechend ihrer Stellung in diesen vier Dimensionen lokalisiert und datiert werden. Aber das genügt nicht. Als fünfte Koordinate tritt bei Menschen und allem, was sie erleben und tun, die Bestimmung ihres Durchganges durch das symbolische Universum hinzu, in dem Menschen miteinander leben. Ein offensichtlicher Repräsentant dieser Dimension ist die Sprache, also umfassende, komplexe, menschengeschaffene Symbole, die von Gesellschaft zu Gesellschaft verschieden sein können und die zugleich der Kommunikation unter Menschen wie ihrer Orientierung dienen. Aber Symbolgehalte, so etwa Begriffe oder etwa das, was wir den „Sinn“ von Kommunikationen nennen – kurzum alles, was im Verkehr der Menschen durch ihr „Bewußtsein“ hindurchgeht und gestaltet wird -, gehören zu dieser Dimension, aber ganz gewiß auch die gegenwärtige Bedeutung der Begriffe „Raum“ und „Zeit“. Diese (…) sind nicht einfach da – ein für allemal. Sie sind immer im Fluß, immer geworden, was sie sind, und immer im Werden. Sie entwickeln sich in der einen oder anderen Richtung, sei es zu größerer Realitätsnähe und Objektadäquanz, sei es zu einer Verstärkung ihres Charakters als Ausdruck menschlicher Affekte und Phantasien, oder etwa auch im Sinne einer sich ausweitenden oder schrumpfenden Synthese. “

Ders.: Über die Zeit II. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 36. Jg. (1982) H. 10, S. 998 –1016, hier: S. 1014

Soziogenese und Psychogenese

Wenn man der symbolischen Dimension diese Bedeutung beimißt, erscheint es naheliegend, auch bei der Entwicklung wissenschaftlicher Argumentationslinien neben ihren räumlichen und zeitlichen Aspekten eine symbolische Selbstverortung anzudeuten. Das Begriffspaar der Sozio- und Psychogenese im Untertitel dieser Arbeit markiert in diesem Sinne einen Bezug auf ein Denkkollektiv und einen Denkstil, die Norbert Elias begründet und selbst als figurations- und prozeßsoziologisch oder als zivilisationstheoretisch bezeichnet hat und zu dessen wesentlichsten Merkmalen es gehört, eben die sozio- und psychogenetische Ebene sozialer Prozesse stets im Zusammenhang zu denken. Er selbst hat diesen Zusammenhang einmal mit einem Bild veranschaulicht, das der hier behandelten raumtheoretischen Thematik

Vgl. auch Lindner, P.: Die Kategorie „Raum“ im Zivilisationsprozeß von Norbert Elias. In: Anthropos (1996), S. 513–524

sehr entgegenkommt, nämlich mit der Beschreibung des Wege- und Straßennetzes als räumlicher Funktion der gesellschaftlichen Verflechtung:

Elias, N.: Über den Prozeß der Zivilisation, Bd. II. – Frankfurt a.M. 1997, S. 328 ff.

„Man denke an die holprigen, ungepflasterten, von Regen und Wind verwüstbaren Landstraßen einer einfachen, natural wirtschaftenden Krieger-Gesellschaft. Der Verkehr ist (…) ganz gering; die Hauptgefahr, die hier der Mensch für den Menschen darstellt, hat die Form des kriegerischen oder räuberischen Überfalls. (…) Das Leben auf den großen Straßen dieser Gesellschaft verlangt eine ständige Bereitschaft zu kämpfen und die Leidenschaften in Verteidigung seines Lebens oder seines Besitzes gegen einen körperlichen Angriff spielen zu lassen. Der Verkehr auf den Hauptstraßen einer großen Stadt in der differenzierteren Gesellschaft unserer Zeit verlangt eine ganz andere Modellierung des psychischen Apparates. (…) Die Hauptgefahr, die hier der Mensch für den Menschen bedeutet, entsteht dadurch, daß irgend jemand inmitten dieses Getriebes seine Selbstkontrolle verliert. Eine (…) höchst differenzierte Selbstregelung des Verhaltens ist notwendig. “

Ebenda

Und, allgemeiner formuliert: „Mit der Differenzierung des gesellschaftlichen Gewebes wird auch die soziogene, psychische Selbstkontrollapparatur differenzierter, allseitiger und stabiler.“

Ebenda

Mit der Differenzierung des gesellschaftlichen Gewebes und der Verlängerung der Interdependenzketten deuten sich manche der Prozesse an, die als weltwirtschaftliche Verflechtung, Industrialisierung und Urbanisierung zu Haßobjekten der auf sie reagierenden konservativen Zivilisationskritik und der in diese verwobenen frühen Raumordnungsideen geworden sind. Aber eben die hohe und aggressiv verengte Affektladung dieser Kritik deutet darauf hin, daß das Unbehagen sich vor allem auf die Ebene der psychischen Wandlungen bezieht. Deshalb wird im folgenden dem Zusammenhang von Sozio- und Psychogenese und vor allem deren verzerrender Wirkung auf die Denkstilgenese der Raumordnung bzw. -planung und der Raumforschung besondere Aufmerksamkeit geschenkt. In einem Punkt wird es dabei nötig, den psychogenetischen Aspekt stärker auszudifferenzieren, als es in der zivilisationstheoretischen Modellvorgabe bisher erreicht ist: Dort wird die Wahrnehmung vor allem auf eine zunehmende Umsetzung von Fremdkontrollen in Selbstkontrollen gerichtet. Aber das Kontrollierende wird weiterhin viel stärker belichtet als das Kontrollierte, die Theorie der Affektkontrollen ist weit ausdifferenzierter als die Theorie der Affekte. Wo aber bleiben die kollektiv und individuell in Zivilisierungsprozessen unbewußt gemachten Affekte?

Vgl. Erdheim, M.: Unbewußtheit im Prozeß der Zivilisation. In: Rehberg, K.-S.: Nobert Elisas und die Menschenwissenschaften. – Frankfurt a.M. 1996

Vor allem: Wie kann der Blick für die verkleidete Wiederkehr des Verdrängten geschärft werden? Diese psychogenetische Wiederkehr in Form scheinsachlicher sprachlicher Symbole wird im folgenden behandelt.

Enträumlichung der Gesellschaft – Verräumlichung der Sprache

Der relationale und prozessuale Raumbegriff, wie ihn etwa Georg Simmel und Norbert Elias entwickelt haben, steht in Kontrast zum Raumbegriff des entstehenden Raumordnungsparadigmas, dessen Assoziationsfeld das objektiv und naturhaft Gegebene, das unabhängig vom menschlichen Beobachter Vorhandene

Diametral entgegengesetzt hat S. Freud einmal folgende Vermutung skizziert: „Räurnlichkeit mag die Projektion der Ausdehnung des psychischen Apparats sein“. Vgl. Freud, S.: Gesammelte Werke, Bd. XVII. - Frankfurt a.M. 1993, S. 152

und ihn Überdauernde, symbolisiert. „Raum ist ewig, der einzelne Mensch hingegen vergänglich. Im Glauben an die Allmacht des Raumes liegt der fatalistische Grundton einer solchen Metapolitik“, schreibt Kurt Lenk über einen der Schlüsselbegriffe des Deutschen Konservatismus

Lenk, K.: Deutscher Konservativismus. – Frankfurt a.M., New York 1989, S. 158 f.

, der sich im zwischenstaatlichen Bereich in Konzepten der Geopolitik, im innerstaatlichen in solchen der „Raumordnung“ niederschlug. Dieser Glaube fiel in eine Zeit raschester verkehrswirtschaftlicher Entwicklung, die in verschiedener Weise durchaus auf den Begriff gebracht worden war. Karl Marx etwa hatte schon im 19. Jahrhundert als Gesetzmäßigkeit des Kapitals die Tendenz bezeichnet, die Zeit gegenüber dem Raum dominieren zu lassen: „ Während das Kapital also einerseits danach streben muß, jede örtliche Schranke des Verkehrs niederzureißen, die ganze Erde als seinen Markt zu erobern, strebt es anderseits danach, den Raum zu vernichten durch die Zeit. D.h. die Zeit, die die Bewegung von einem Ort zum anderen kostet, auf ein Minimum zu reduzieren. “

Zitiert nach: Dinzelbacher, P.: (Hrsg.): Europäische Mentalitätsgeschichte. – Stuttgart 1993, S. 623

Georg Simmel nahm Anfang des 20. Jahrhunderts an, daß „Raum“ mit der Herausbildung abstrakterer Formen der Vergesellschaftung, wie Geld und Recht, zunehmend seine Funktion als Hauptgrundlage sozialer Organisation verliert, ging also von einer Relativierung des Raumproblems im Verlauf des Modernisierungsprozesses aus.

In einer architektursoziologischen Arbeit schreibt Hans-Joachim Fritz bezüglich der gegenwärtigen Entwicklungsstufe über „umfassende Prozesse der Entarchitektonisierung und Enträumlichung lokaler und globaler Kommunikationsstrukturen“ (Fritz, H.-J.: Denkgebäude - Einige Entwicklungsaspekte architektonischer Theoriebildung. In: Barlösius, E.; Kürsat- Ahlers, E.; Waldhoff, H.-P.: Distanzierte Verstrickungen, a.a.O. [siehe Anm. (5)], S. 196). Er schildert die defensiv-kulturellen Verleugnungsstrategien des Denkkollektivs und Denkstils der Architekten angesichts dieses Prozesses, der gerade von den Stararchitekten den Verzicht auf professionelle Allmachtsphantasien fordert. Hier deuten sich interessante Parallelprozesse zu den in der Raumplanung skizzierten an

Die Geschichte der politischsozialen Sprache in Deutschland ist im gleichen Zeitraum demgegenüber von einer zunehmenden „Verräumlichungstendenz des politischen Vokabulars“ gekennzeichnet.

Brunner, O.; Conze, W.; Koselleck, R.: Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 3. – Stuttgart 1995, S. 228

Die formative Idee der deutschen Raumplanung in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, „Raum“, die zentrale Machtquelle von Militär-Agrar- Staaten, als Grundlage politisch-bürokratischer Organisation einer industrialisierten und urbanisierten Gesellschaft mittels eines staatlichen Planungssystems wiedereinzusetzen, trägt vor diesem Hintergrund Züge einer Defensiv-Kultur gegen sich verlängernde soziale Interdependenzketten, gegen komplexere zwischenmenschliche Verflechtungen. Auch ein politisch moderater Modernisierungsskeptiker wie Ferdinand Tönnies hat seine soziologisch höchst einflußreiche Begriffspolarität Gemeinschaft und Gesellschaft u. a. durch die Entgegensetzung von Grund und Boden versus Geld bestimmt.

Vgl. Tönnies, F.: Gemeinschaft und Gesellschaft. – Darmstadt 1963, S. 184 (Nachdruck der 8. Aufl. v. 1935)

„Gemeinschaft“ steht dabei für die Rettung von Aspekten älterer, vorindustrieller Sozialformationen. Zwischen der Raumrelativierung des gesellschaftlichen Lebens und der Verräumlichung der politisch-sozialen Sprache öffnet sich eine ideologische Schere. Dies schlägt sich in einer steigenden Affektladung der kulturell hegemonialen Raumbegriffe nieder: echte Raumdoktrin, Raumhoheit, Raumkampfkrise, Raumnot und Drang nach mehr Raum, Raumrevolution, Raumsicherung im Osten, Raumwirtschaft und innere Sättigung.

Brunner, O.; Conze, W.; Koselleck, R.: Geschichtliche Grundbegriffe, a.a.O. [siehe Anm. (25)], S. 913

„Reaktionärer Modernismus“

Norbert Elias hat in seinen Studien über die Deutschen auf vielfältige Aspekte eines nachhinkenden sozialen Habitus aufmerksam gemacht.

Elias, N.: Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. – Frankfurt a.M. 1989

Bereits die Kriegsziele des Ersten Weltkrieges, „dieses Muster von Eroberung und Reichsbildung“ hat er als „zutiefst von den hergebrachten Stereotypen vorindustrieller, vomationaler Stufen der sozialen Entwicklung beeinflußt“

Ebenda, S.474

gesehen. Und über die Ziele des Zweiten Weltkrieges schrieb er: „Hitlers ganze Vorstellungswelt – und dasselbe galt für die meisten Deutschen, die der nationalen Tradition verhaftet waren – trug immer noch ein vorindustrielles Gepräge. Er dachte zunächst und vor allem an Siedlungsland für Bauern“.

Ebenda, S.476

Es ist nicht einfach, sich klarzumachen, daß solche vorindustriellen Denkstile den Einsatz modernster technischer Mittel durchaus nicht ausschließen, weder im zwischen- noch im innerstaatlichen Bereich. J. Herf hat in diesem Zusammenhang in bezug auf das Deutschland der Weimarer und der NS-Zeit von der Entwicklung eines „ reaktionären Modernismus“ gesprochen.

Herf, J.C.: Reactionary Modernism. Technology, Culture and Polities in Weimar and the Third Reich. – Cambridge 1984

„Industrialismusfeindliche Leitbilder„

H. W. Hoffacker hat den maßgeblichen Einfluß von Konzepten konservativer Gesellschaftsreform auf die Entstehung der deutschen Raumplanung in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg detailliert belegt.

Hoffacker, H.W.: Entstehung der Raumplanung, konservative Gesellschaftsreform und das Ruhrgebiet 1918-1933. – Essen 1989

Er weist darauf hin, daß die im Detail erheblich divergierenden Ansätze, die hier verschmolzen werden, sehr wohl gemeinsame Grundzüge aufweisen, als deren Kern er bei vielen Planern und Planungstheoretikern „ industrialismusfeindliche Leitbilder“ beschreibt. Unter „Industrialismus“ wird eine Gesellschaftsform verstanden, in der die „arbeitsteilig organisierte Produktion in technisierten Großbetrieben zum insgesamt dominierenden Wirtschaftsfaktor geworden ist. “

Ebenda, S. II

Diese findet ihre siedlungsräumliche Entsprechung in Großstädten und ist durch weltwirtschaftliche Verflechtungen und Exportabhängigkeit gekennzeichnet. Die relative Bedeutung des Agrarsektors ist rückläufig. Da die Abhängigkeitsbeziehungen sich sowohl weiträumiger als auch funktionsteilig vielfältiger verästeln, sinkt die Bedeutung älterer und kleinerer, „überschaubarer“ Sozialeinheiten. Solche Gesellschaften sind von den alten Eliten nicht mehr in der Weise und in dem Maße wie befehlsgesteuerte Gesellschaften beherrschbar.

Vgl. Waldhoff, H.-P.: Innere Peripherie als Ideologie. Über die Raumordnung, die Fremden und ein sozialräumliches Mehr-Ebenen-Modell. In: Nolte, H.-H.: European Internal Peripheries in the 20th Century. – Stuttgart 1997, S. 59 ff.

Gegen diese Gesamtentwicklung von Gesellschaften, die Industrialisierungs- und Urbanisierungsprozesse durchliefen, richtete sich die Industrialismus- und Großstadtkritik. Sie wendet sich im Kern nicht gegen Industrie als technisches Mittel, obwohl auch das nicht selten war, sondern gegen sozialstrukturelle Prozesse, die sich materiell u. a. als Industrialisierung und Großstadtbildung sichtbar manifestieren.

„Gemeinschaftstechnik“

Die Raumordnungsideen sind auch ein Ausdruck des Wunsches nach einer geringeren Gegenseitigkeit in den Abhängigkeiten zwischen Regierenden und Regierten, nach einer funktionalen Entdemokratisierung ihrer Machtrelationen. In diesem Sinne äußerte sich der erste Chef der niedersächsischen Landesplanung, Kurt Brüning, nach 1933 zufrieden über die „Ausschaltung des Parlamentarismus, die erheblich die Verwaltungen entlaste und die Entschlußkraft der Entscheidungsträger stärke.“

Vgl. Härtung, W.: Konservative Zivilisationskritik und regionale Identität am Beispiel der niedersächsischen Heimatbewegung 1895 bis 1919. Diss. Hannover 1990, S. 330

Charakteristisch für das Raumordnungsparadigma ist dabei die Vorstellung, menschliche Gesellschaften mit analogen Techniken wie die außermenschliche Natur beherrschen zu können. Martin Pfannschmidt, der als einer der Väter der deutschen Raumplanung gilt und von den 20er bis in die 50er Jahre in ihr tätig war, hat das mit seinem Konzept der Raumplanung als Teil einer „Gemeinschaftstechnik“

Hoffacker, H.W.: Entstehung der Raumplanung …, a.a.O. [siehe Anm. (32)], S. 172 –177

gut zum Ausdruck gebracht. Ernst Jüngers Vorstellung einer „Organischen Konstruktion

Ebenda, S. 143-150

der Gesellschaft mittels einer „geographischen Planwirtschaft“ repräsentiert einen weiteren Aspekt dieses gesellschaftlichen Denkstils. Es handelt sich um Varianten der von Zygmunt Bauman beschriebenen Vorstellung vom „Staat als Gärtner“

Bauman, Z.: Moderne und Ambivalenz: Das Ende der Eindeutigkeit. – Frankfurt a.M. 1995, S. 43 ff.

Perspektivenwechsel

Es mag für unsere Zwecke genug gesagt sein, um eine Vorstellung des gesellschaftlichen Klimas zu vermitteln, aus dem heraus sich die deutsche Raumplanung in der Zeit der Weimarer Republik entwickelt hat. Abschließend bietet es sich an, einen soziologischen Zeitzeugen vom Ende dieser Entwicklunsperiode her unmittelbar zu Wort kommen zu lassen: W. Schmerler hatte 1932 bei dem Soziologen und Theoretiker der „Konservativen Revolution“, Hans Freyer, über Raum- bzw. Landesplanung

Diese Begriffe wurden vor der bundesdeutschen Föderalisierung der Raumplanung synonym verwendet. Erst dann gewann „Land“ neben der Bedeutung von „Raum“ und „Boden“ die Konnotation von „Bundesland“

promoviert. Schmerler bewertete die Landesplanungsgeschichte 1932 zusammenfassend folgendermaßen:

„Die Landesplanung hat ihre ersten Anfänge vor dem Kriege in einer Blütezeit der deutschen Wirtschaft, in einer Zeit des dauernden Anstieges der deutschen Industrie, des ungehemmten Wachstums der Großstädte. (…) Sie hat in diesen Anfangszeiten, die noch bis in die ersten Nachkriegsjahre dauerten, die Absicht, das systemlose Siedlungswesen der industriellen Gesellschaft zu einem System zu gestalten, es in eine Ordnung zu bringen und aus dem vorliegenden Chaos heraus zu einer Formung des Siedlungswesens. Im Grunde galt es also nicht, Neues zu schaffen, sondern es ging darum, einer vorhandenen Erscheinung, die sich bis dahin noch in ungezügelter Entwicklung befand, die endgültige Form zu geben. Alle Formgebung aber ist Verfestigung, Erstarrung, Abschluß. Somit bedeutet schon diese Absicht der Landesplanung den Abschluß des bisher geltenden Siedlungswesens der industriellen Gesellschaft. Wir wissen, daß auch heute noch ein gut Teil der Arbeit der Landesplanungsverbände dieser abschließenden Aufgabe zugewandt wird.“

Schmerler, W.: Die Landesplanung in Deutschland. In: Zeitschrift für Kommunalwirtschaft, Nr. 19/20, Berlin, Oktober 1932, Spalte 885–973, hier: Spalte 969

Nun kann man sich damit begnügen, diesen Text auf seiner manifesten Ebene zu lesen. Es gibt aber auch eine latente Ebene: Diese scheinbar so sachlich-technische Beschreibung verrät eine hoch affektgeladene Bewertung der industriegesellschaftlichen Urbanisierungsprozesse als „ungehemmt“, „systemlos“, „Chaos“, „ungezügelt“. Dem solle die Landesplanung entgegenstellen: „gestalten“, „Ordnung“, „Formung“, „endgültige Form“, „Verfestigung“, „Erstarrung“, „Abschluß“. Die Kritik am Urbanisierungsprozeß, in dessen Beschreibung bei Schmerler Menschen unmittelbar überhaupt nicht Vorkommen, läßt doch indirekt – wer siedelt denn schließlich so ungehemmt? – ein Bild von Menschen als ungezügelten, ungehemmten Triebwesen durchschimmern, wie es der konservativen Zivilisationskritik entspricht. Das wird mittels eines Kontrastes vielleicht klarer sichtbar, nämlich dann, wenn man neben der verwissenschaftlichten Perspektive einer siedlungsplanenden Verwaltung versucht, die Perspektive umsiedelnder Menschen zu verstehen: einem quasitechnischen Verwaltungsobjekt also auch Subjektcharakter zugesteht. Statt etwa vom „Weiterwuchern“ und vom „Sog der Großstädte“ gegenüber dem „ biologischen Gewinn der Dezentralisierung “ zu sprechen, wie es etwa die Landesplaner auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter taten, könnte man mit gleichem Recht aus der Perspektive von Neueinwanderern die Begriffe „Anziehungskraft“ oder „Attraktivität“ verwenden.

Vgl. etwa Swann, A. de: Der sorgende Staat: Wohlfahrt, Gesundheit und Bildung in Europa und den USA der Neuzeit. – Frankfurt a.M., New York 1993, S. 134 ff.

Entmenschlichende Raumkategorien und die Unterschrift Heinrich Himmlers

Über sein politisches Wirken an der Göttinger Universität als „nationalsozialistischer Dozent“ und NSDAP- Stadtverordneter mit Zuständigkeit für Theater und Universität schreibt K. Meyer: „Die Verhältnisse an der Göttinger Universität waren infolge der starken Durchsetzung des Lehrkörpers mit Juden und semitophilen Demokraten nicht einfach. “

Meyer, K.: Über Höhen und Tiefen. Ein Lebensbericht. o.J. (1973), S. 70 (unveröffentl. Typoskript)

Über seine noch im gleichen Jahr aufgenommene Tätigkeit im preußischen und Reichserziehungsministerium berichtet er: „Die Bereinigung des im Weimarer System stark verjudeten Hochschulkörpers war im Wesentlichen bereits abgeschlossen (…). “

Ebenda, S. 74 f.

Biologismus, aggressive Reinigungsphantasien gegen als fremd eingeordnete Menschen und das Denken in räumlich reduzierten, d. h. entmenschlichten Kategorien treten hier als einheitliche gesellschaftlich-affektlogische Struktur auf.

An der Ostraumplanung schätzten Planer insbesondere die Möglichkeit einer Tabula-rasa-Planung, ohne Rücksicht auf vorhandene Formen menschlichen Zusammenlebens. Der SS-Gewaltapparat, für den eine Gruppe handverlesener und auch nach dem Krieg führender Planer unter Leitung Konrad Meyers Ostraumplanung betrieb, konnte stillschweigend einkalkuliert werden. Er setzte das von wirklichen Menschen abstrahierende Denken in reale Entmenschlichung um. Die Varianten des sog. „Generalplan Ost“ gingen zumindest stillschweigend von „Aussiedlung“ oder Tötung von etwa 31 Millionen Menschen aus, die man wissenschaftlich und bürokratisch als „fremdvölkisch“ klassifizierte.

Wasser, W.: Die Neugestaltung des Ostens: Ostkolonisation und Raumplanung der Nationalsozialisten während der deutschen Besatzung in Polen 1939–1944. Diss. TH Aachen 1991, S. 59 u. S. 67

„Eigene“ Bevölkerung sollte als staatliche Verfügungsmasse die Lücke füllen.

K. Meyer schreibt 1973 in seinen unveröffentlichten Memoiren über die unter seiner Leitung konzipierten „Allgemeinen Anordnungen“ Himmlers zur Herrschaftsausübung in den besetzten Ostgebieten, in ihnen seien bereits „was sowohl die Bodenordnung, die Dorfplanung, die Zuordnung der Städte zum Land, die Bedeutung der verschiedenen Stadtgrößen, die Gliederung der Städte und schließlich die Gestaltung der Landschaft und der Bauwerke in der Landschaft anbetreffen - eine Reihe von Gedanken ausgesprochen, die auch heute noch in der Raumplanung gelten. Sie besitzen nur den Nachteil, daß sie den Namen H. Himmlers als Unterschrift tragen. “

Meyer, K.: Über Höhen und Tiefen, a.a.O. [siehe Anm. (42)], S. 108

Überforderung und Pathos

Hans-Heinrich Nolte hat auf die besondere Rolle hingewiesen, die Überforderung und Pathos in halbperipheren Kulturen spielen.

Nolte, H.-H.: Überforderung und Pathos: ein Aufriß: Zur politischen Kultur halbperipherer Länder. In: Waldhoff, H.-P. Tan, D.; Kürsat-Ahlers, E.: Brücken zwischen Zivilisationen: Zur Zivilisierung ehtnisch-kultureller Differenzen und Machtungleichheiten. Das türkischdeutsche Beispiel. – Frankfurt a.M. 1997

Sozio- und Psychogenese der deutschen Raumplanung sind in besonderem Maße von einer defensiv-kulturellen Strömung getragen worden, die man nicht nur mit Elias als vorindustrielle Mentalität, sondern auch in der Sprache der Welt-systemtheorien und ebenfalls unter Annahme eines nachhinkenden Habitus als halbperipher beschreiben könnte. Die überspannten staatsplanerischen Allmachtsphantasien, auf Bodenkontrolle gestützt, in einer zumindest räumlich, wenn auch vielleicht nicht mental urbanisierten Industriegesellschaft, sprechen für beide Elemente.

Waldhoff, H.-P.: Innere Peripherie als Ideologie, a.a.O. [siehe Anm. (34)]

Wir konnten hier diese administrative Kontrollobsession nach außen und innen in Konrad Meyers SS-Planungsimperium in der Form eines „gnadenlosen und höchst organisierten Aktivismus“

Nolte, H.H.: European Internal Peripheries in the 20th Century. – Stuttgart 1997, S. 81 f.

am Werk sehen. Wir können sie bei den Raumplanern und -forschern nach dem Krieg in einer selbstversponnenen Parallelaktion mit wenig Realitätsberührung fortwirken sehen. Der kontinuierliche Anspruch auf die Rolle einer allen anderen, zumindest allen staatlichen Verwaltungen übergeordneten räumlichen Gesamtverwaltung bleibt jedoch in Diktatur wie Demokratie uneinlösbar.

„Ein Kampf um Burgdorf“

Für eine detaillierte Fallstudie vgl. Waldhoff, H.-P. Fürst, D. Böcker, R.: Anspruch und Wirkung der frühen Raumplanung, a.a.O. [siehe Anm. (2)], S. 113–127, dort auch alle näheren archivalischen Hinweise

: Eine ideelle Gesamtbürokratie

Waldhoff, H.-P.: Die ideele Gesamtbürokratie: „Raumordnung” als Geschichte und Erinnerung. In: Waldhoff, H.-P. Fürst, D. Böcker, R.: Anspruch und Wirkung der frühen Raumplanung, a.a.O. [siehe Anm. (2)], S. 215–241

bei der Arbeit

Die Planung von Standorten, insbesondere auch Industriestandorten, galt unter Planern in den 50er Jahren weiterhin als Kernbestandteil der Raumordnung und Landesplanung. Dieser Aspekt soll an einem niedersächsischen Beispiel diskutiert werden. Nach dem Krieg schreibt die mittlerweile von Brüning

Vgl. zur Rolle Brünings auch: Rüther, K.; Waldhoff, H.-P.: Landesplanung, Raumforschung und die umstrittene Grenzziehung zu Nordrhein-Westfalen: Zur Rolle Kurt Brünings bei der Gründung des Landes Niedersachsen. In: Neues Archiv für Niedersachsen, Nr. 2 (1996), S. 3–22

geleitete Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) in einem Tätigkeitsbericht vom 3.10.1947:

„Vor allem ist wegen der sozialen Schäden der Großstädte das Wachstum der Klein- und Mittelstädte zu fördern, wenn auch nicht geleugnet wird, daß Großstädte in einem Rahmen immer ihre Existenzberechtigung haben werden. Jedenfalls sollte die Erhöhung der Siedlungsdichte in Rumpfdeutschland nicht zu einer weiteren Vergroßstädterung und Industrieballung führen. Statt dessen müßte auf einen industriellen Ausbau der kleinen und mittleren Orte hingewirkt werden.“

Im landesplanerischen Gutachten zur Aufstellung eines Flächennutzungsplanes für die Landeshauptstadt Hannover, den die niedersächsische Landesplanung im Mai 1950 vorlegt, ist dieses Konzept wieder deutlich erkennbar. Auf dieses Gutachten beziehen sich die Landesplaner 1954/55 bei ihrem Versuch, den Standort des ersten VW-Zweigwerkes zu beeinflussen: „Der Werkansatz in Burgdorf würde (…) der im landesplanerischen Gutachten für Hannover dargelegten raumwirtschaftlichen Konzeption zwischen Großstadt und Nachbarorten entsprechen.“ Die entsprechende Industriestandortkonzeption war in dem Gutachten explizit enthalten gewesen: „Die großstädtische Entwicklung wäre in anderer Richtung gelaufen, wenn z.- B. bei der städtischen Industrie- und Gewerbeförderung raumordnerische Gesichtspunkte bestimmender gewesen wären (…). Unternehmen, die nicht in unmittelbarer Abhängigkeit zu der Großstadt stehen, wäre anzuraten, sich in entwicklungsfähigen Kleinstädten oder Orten anzusiedeln. “ Daß dieser räumlichen Konzeption ein bestimmtes Gesellschaftsbild zugrunde liegt, wird an anderer Stelle deutlich: „Die Zusammenballung von Menschen auf engstem Raum, die der Vermassung und Verelendung Vorschub leistet, ist als volksbiologisch krankhaft zu verurteilen und abzulehnen.“ Das Gegenkonzept lautet: „Die Voraussetzungen für die lebensnahe und gesunde Ansiedlung von Menschen sind nach den bisherigen Erkenntnissen in kleinstädtischen Organismen in der Größenordnung von etwa 15 000–25 000 Einwohnern gegeben. “

Man sieht, wie die einzelnen Elemente des Raumordnungs-Denkstils fast unverändert aus einem inneren Zusammenhang hervorgehen, der in ihrer Soziogenese in den 20er und 30er Jahren bereits angelegt ist.

Hier soll nun an einem Fallbeispiel, der Standortsuche für das VW-Zweigwerk 1954-1955, ein Umsetzungsversuch des skizzierten Raumordnungsparadigmas dargestellt werden. Lassen wir diesen Standortentscheidungsprozeß in bezug auf die Rolle der Landesplanung Revue passieren. Er entspricht sicher nicht den normativen Konzepten der Landesplaner hinsichtlich ihrer Rolle gegenüber Industrie und staatlichen Instanzen: „In allen deutschen Bundesländern bestehen Landesplanungsstellen, die die Aufgabe haben, die räumliche Entwicklung ihrer Länder vorausschauend zu planen und zu lenken. Diese Stellen können Betrieben, die einen neuen Standort suchen, umfassende Hinweise geben. “

Brüning, K.: Verlagerte Industriebetriebe. In: Neues Archiv für Niedersachsen, H. 25 (1951), S. 543

Wenn überhaupt von den Landesplanern auf diesem Wege der Beeinflussung von Standortentscheidungen vorausschauend geplant und gelenkt werden kann, dann hätte es im Falle VW geschehen müssen. Denn VW unterlag starkem Staatseinfluß, sogar Landeseinfluß, im Aufsichtsrat, und zusätzlich gab es noch den Kontakt zu einem Bundesraumordnungsbeamten, der seinem Minister, dem Bundesfinanzminister und Aufsichtsratschef bei VW, vortragen konnte.

„Für die Ansetzung von Industrie (…) wird durch Vereinbarung mit dem Wirtschaftsminister keine Genehmigung ausgesprochen, ohne daß nicht Stellungsnahme in landesplanerischer Hinsicht erfolgt“ heißt es in einem landesplanerischen Tätigkeitsbericht.

Ebenda

Offensichtlich ist diese Vereinbarung praktisch außer Kurs gesetzt.

Wie weit weg vom Geschehen die Landesplanung war, zeigt, daß ihr über weite Strecken nur Presseinformationen zur Verfügung standen und sie in einem eigentlich fiktiven Abwehrkampf Verteidigungslinie nach Verteidigungslinie, Standort nach Standort, aufgab, während der von ihr bedingungslos abgelehnte großstädtische Standort, Hannover-Stöcken, bereits entschieden war. Entscheidend für eine übergeordnete, koordinierende Planung wären entsprechende Kompetenzen und Kontaktnetze gewesen. Es gab jedoch überhaupt keine Stelle in der gesamten Landesregierung, geschweige denn im VW-Konzern, die an „umfassenden Hinweisen“ der Landesplaner irgend ein Interesse gezeigt hatte. Mangels Dialogen entwickelte sich nicht nur in diesem Fall ein isoliertes Monologisieren in Form von internen Vermerken.

Ein Durchgreifen der Landesraumordnungsziele auf die erste Konkretisierungsstufe „Bezirksraumordnung“ ist schon nicht gegeben, denn der hannoversche Bezirksplaner vertritt entsprechend den Interessen „seiner“ Bezirksregierung den Standortvorschlag Barsinghausen. Die planungsnormativ zweite Stufe wäre in diesem Fall der Flächennutzungsplan der Stadt Hannover gewesen. Tatsächlich basiert das starre Festhalten am Vorschlag Burgdorf auf dem landesplanerischen Gutachten für die Aufstellung dieses Flächennutzungsplanes, welches bei der Stadt Hannover jedoch noch weniger Nachachtung (M. Weber) fand. Das landesplanerische Gutachten seinerseits basierte auf der generellen Industrieentwicklungskonzeption der Landesplaner, die an Klein- und Mittelbetrieben orientiert war, und diese wiederum auf dem Gesamtkonzept eines Raumordnungsplans für Niedersachsen.

Vgl. Brüning, K.; Kraus, H.: Raumordnungsplan für Niedersachsen. In: Raumforschung und Raumordnung, 10. Jg. (1952), S: 47–51

Dessen Industrieentwicklungskonzeption steht in einem bundesweiten Zusammenhang. Das Institut für Raumforschung in Bonn vertritt 1953 in einer Denkschrift „Zur Frage regionaler Wirtschaftspolitik“, die den niedersächsischen Planern ohne Zweifel bekannt war, ähnlich gelagerte Positionen:

„Will man in großen Umfang dezentralisieren und auflockern, muß zuerst von staatlicher Seite Bresche geschlagen werden (…) Für die aktive Raumpolitik sind dann die Gebiete von Interesse, die günstige Standortvoraussetzungen für bewußt dezentralisierten Industrieansatz bieten können. Es sind Gebiete mit Klein- und Mittelstädten, die samt ihrem Umland bereits industriell aufgelockert sind.(…) Um eine keineswegs erschöpfende Aufzählung solcher ausbaufähigen Gebiete in der Bundesrepublik auf Grund der Feststellungen der Denkschrift zu geben, es gehören dazu etwa: Rendsburg, Neumünster, Delmenhorst, Lüneburg, Uelzen, Burgdorf …“

Burgdorf? Und an dieser Stelle sieht man, warum im Getriebe der VW- Standortkämpfe, obwohl weit hinter der Entwicklung der Entscheidungsfindung zurück, am Rande der Entscheidungszentren, auf „Burgdorf“ beharrt wurde. Burgdorf war nicht nur Burgdorf, Burgdorf war das Raumordnungs-Paradigma.

Zwei Teufelskreise

Aus der organisationssoziologischen Literatur ist das Thema des Konfliktes zwischen einer auf statische Umwelten programmierten bürokratischen Organisation und einer dynamischen „Umwelt“ bekannt. Nach M. Crozier führt diese Konstellation bei den bürokratischen Organisationen dazu, daß sie mit immer rigideren Regeln die Dynamik auszuklammern suchen, und dabei selbst immer starrer und handlungsunfähiger werden, bis der Moment erreicht ist, wo nur noch eine massive Verwaltungsreform Besserung bringt.

Vgl. Masuch, M.: Vicious Circles in Organization. In: Administrative Science Quarterly, 30 (1985), S. 14–33

Ein analoger Mechanismus ist auf der Ebene der Wissensentwicklung bekannt: Ludwik Fleck

Vgl. Fleck, L.: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, a.a.O. [siehe Anm. (10)]

und in seiner Nachfolge Thomas S. Kuhn

Kuhn, T.S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolution. – Frankfurt a.M. 1976

haben gezeigt, wie Denkkollektive so lange wie möglich mit komplizierten Hilfskonstruktionen aller Art an ihren Denkstilen festzuhalten versuchen, wobei diese immer dogmatischer und erklärungsschwächer werden, bis nur noch eine wissenschaftliche Revolution die Entwicklung wieder in Fluß bringen kann.

Die beiden geschilderten „Teufelskreise“ der den Konzeptionen zugrundeliegenden „Ideen“ und der angestrebten bürokratischen Funktion stabilisieren einander zudem bei Raumforschung und Raumplanung in einer eigentümlichen Doppelbindung

Vgl. zu diesem Begriff: Elias, N.: Engagement und Distanzierung. – Frankfurt a.M. 1983

Die räumlich ausgedrückten und in der Vorstellung Prozesse einfrierenden bürokratischen Vereinheitlichungsideen kristallisieren sich immer wieder in allumfassend und übergeordnet angelegten Aufbau- und Ablauforganisationsmustern. Da diese auf Widerstand stoßen oder einfach von Entwicklungen, mit denen sie nicht Schritt halten, unterlaufen werden, wird defensiv mit weiterer Ideologieproduktion geantwortet. Diese stößt wiederum auf Ablehnung, führt zu Selbstisolierung und verstärkt die Neigung, an organisatorischen Allkompetenzansprüchen festzuhalten. Solche Doppelbindungen sind zirkuläre Prozesse, die durch ihren energieverzehrenden Wiederholungscharakter eine Illusion von Geschichtslosigkeit produzieren.

Die eigene und die fremde Soziologie

Mit dem zur Zeit vieldiskutierten Theorem vom Fremden und Eigenen hat sich der Autor auch in folgenden Zusammenhängen auseinandergesetzt: Vgl. Waldhoff, H.-P. Fremde, Enteignung und Irrationalisierung :. Zwölf Spiegelungen einer Entzivilisierung. In: Utopie kreativ (1998) H. 1, S. 5–14 und Waldhoff, H.-P. Tan, D.: Wer ist fremd und wer ist eigen? Zur deutsch-türkischen Kultur und ihren Intellektualisierungsprozessen. In: Barlösius, E.; Kürsat-Ahlers, E.; Waldhoff, H.-P.: Distanzierte Verstrickungen, a.a.O. [siehe Anm. (5)]

Eine andere dieser eigentümlichen Doppelbindungen entsteht zwischen Forschern und ihren Forschungsgegenständen, solange die gegenseitige Beeinflussung beider im Forschungsprozeß nicht erkannt und in diesen aufgenommen wird.

Vgl. Waldhoff, H.-P.: Fremde und Zivilisierung. Wissenssoziologische Studien über das Verarbeiten von Gefühlen der Fremdheit. Probleme der modernen Peripherie-Zentrums-Migration am türkisch-deutschen Beispiel. – Frankfurt a.M. 1995, S. 372–406

Ein Beispiel: Bei meiner ersten Beschäftigung mit der Raumplanungsgeschichte bin ich an Hand von Archivbeständen, Zeitzeugeninterviews und einschlägiger Literatur auf das Problem von Geschichte und Erinnerung gestoßen und insbesondere auf die Rolle, die die Art der kollektiven Erinnerungsarbeit oder ihr Fehlen für spätere Generationen von Raumforschern und Raumplanern spielt. Bei der Vorbereitung dieses Nachtrags zur damaligen Arbeit bin ich nun, vor allem durch die Studie von Jörg Gutberger, auf die Frage nach der Soziologisierung der Raumforschung im NS-Staat

Gutberger, J.: Volk, Raum und Sozialstruktur, a.a.O. [siehe Anm. (11)], S. 177–216

aufmerksam geworden und damit auf die ungelöste eigene kollektive Erinnerungsarbeit. So stellt sich mir die Frage, ob das, was mich seinerzeit an einer anderen Disziplin so befremdet hatte, nicht auch unbewußt erkannte Aspekte des eigenen Fachs betraf.

Diesem Vorgang kann man als gewiß ganz unterschiedlich zu gewichtendes Element bei vielen, wenn nicht allen wissenschaftlichen Kontroversen vermuten.

Mehr noch: Das Fremde ist das, was sich – als Denkkollektiv wie als Denkstil – „Deutsche Soziologie“ nannte. Nach diesen ethnisierten Kategorien wäre demgegenüber sehr vieles, was auch hier in meinen eigenen soziologischen Ansatz eingeflossen ist, als deutsch-jüdisch zu bezeichnen; jedenfalls als Beiträge zu einer Soziologie, die im Sinne Georg Simmels und Zygmunt Baumans die Objektivitätschance des fremden Blicks zu nutzen versucht.

Vgl. Waldhoff, H.-P.: Ein Übersetzer. Über die sozio-biographische Genese eines transnationalen Denkstils. In: Waldhoff, H.-P. Tan, D. Kürsat-Ahlers, E.: Brücken zwischen Zivilisationen, a.a.O. [siehe Anm. (46)], S. 359–364

Norbert Elias hat in einer recht persönlichen Erinnerungsrede an „1933“ vor der Frankfurter Universität von den zwei Kulturen gesprochen, die es damals, wie in der weiteren Gesellschaft, so auch und gerade an den deutschen Universitäten gegeben habe.

Vgl. Elias, N.: Die zwei Kulturen Deutschlands. Persönliche Erinnerungen. (Ringvorlesung zu Hochschule und Machtergreifung), Literaturarchiv Marbach, Nachlaß Elias, Schröter MISC-D VII

Die demokratische linke und liberale Kultur, zu der auch die meisten deutschen Juden zählten, habe die andere, die völkische Kultur, so wenig gekannt und verstanden, daß sie ihr nicht das zuzutrauen vermochte, was etwa Konrad Meyer wenig später an „Entjudung “ durchführte. So begann der eine eine Hochschulkarriere, die das „Dritte Reich“ überdauerte, der andere, der in Frankfurt nicht mehr seine Habilitation abschließen durfte, ein ungesichertes Emigrantenschicksal, das nie mehr in eine deutsche Hochschulkarriere mündete.

Aber erinnert die so rigide auf Allumfassendes, auf Überordnung drängende Raumforschung mit den in ihr spürbaren Allmachtsphantasien nicht auch an den Anspruch so vieler soziologischer Paradigmen? Schimmert sie nicht selbst in dem Eliasschen Versuch noch durch, eine weitere soziologische Zentraltheorie, die immer alle wesentlichen Existenzebenen mitdenken muß, zu entwerfen?

Während mir allerdings die in vielen Schattierungen herrschende sozialwissenschaftliche Kultur mit ihrer stillschweigenden Auffassung von menschlichen Gesellschaften als staatlichen Verwaltungsobjekten als im wesentlichen fremdzwangorientiert erscheint, setzt Elias dem eine nicht herrschaftsorientierte Alternative entgegen, in der der destruktive Allmachtsanspruch

Nicht verarbeitete Allmachtsphantasien hemmen jedoch die Wahrnehmungsfähigkeit für unbewußte Prozesse, etwa für das Unbewußte im Prozeß der Zivilisation. Vgl. Kap. 8 dieses Beitrags

gegenüber anderen nurmehr in tyrannische Überich- Zwänge gegenüber der eigenen Person

Zu einer Modellskizze unterschiedlicher psychosozialer Steuerungstypen vgl Waldhoff, H.-P.: Fremde und Zivilisierung, a.a.O. [siehe Anm. (60)], S. 315–318; zu deren Anwendung auf die Entwicklung der Eliasschen Arbeitstechnik vgl. ebenda, Waldhoff, H.-P.: Fremde und Zivilisierung, a.a.O. [siehe Anm. (60)], S. 400 f.

und ihrem wissenschaftlichen Arbeitsprodukt umgesetzt ist.

Georg Simmel dagegen hat mit seiner relationalen und prozessualen Raumsoziologie nicht nur fern der bürokratisehen Perspektive und für diese unverwertbar geschrieben; noch unakzeptabler mag für die zwanghaften Überordner sein leichter, fragmentarischer Stil gewesen sein, der zudem die Soziologie als neue Wissenschaft entwarf, die den anderen Wissenschaften einfach nur nebengeordnet wäre.

Simmel, G.: Soziologie: Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. – Berlin 1993 (1. Aufl. 1908), S. 20 f.

Der als Triebkraft des Denkens zugleich unverzichtbaren „Sehnsucht nach einem alle Standorte umfassenden Gesamtbilde der Wirklichkeit“

Ebenda, S. 13

darf nicht gestattet werden, sich zur absoluten Selbstherrscherin eines Denkstils aufzuschwingen.

Postskriptum

Aktuelle Schlußfolgerungen im planerischen Sinne sind aus den hier darge stellten grundsätzlicheren Überlegungen nicht unmittelbar abzuleiten. Auf ein interessantes Untersuchungsfeld werfen sie gleichwohl ein neues Licht. Denk- und Steuerungsstile planender staatlicher Verwaltungen sind eng mit der ungeplanten Infrastruktur gesellschaftlich gültiger Verhaltensregulierungen verflochten, aus denen sie erwachsen und in die sie zurückwirken können.

So sind in einer breiten Informalisierungsbewegung

Vgl. Wouters, C.: Die Informalisierungsthese in der Zivilisationstheorie. Hrsg.: Fernuniversität-Gesamthochschule Hagen 1997 (im Erscheinen beim Westdeutschen Verlag)

seit Ende der 60er Jahre in den modernen Gesellschaften der Welt in unterschiedlichem Maße hierarchische Verhaltensregulierungen aufgelöst worden. Der zivilisatorische Fremdzwang zur Selbststeuerung verstärkte sich. Während jedoch die Nachfrage nach solchen veränderten Kompetenzen seitdem zunimmt, konnten die Sozialisations- und Bildungssysteme aller Stufen, bildungsökonomisch gesprochen, nicht das entsprechende Angebot bereitstellen. Wieder wachsende Machtabstände gefährden zusätzlich die Grundlagen von Verhaltensinformalisierungen. Machteliten entziehen sich wieder stärker den Bindungsregeln sozialen Zusammenlebens, etwa der Zahlung von Steuern, während machtschwächere Gruppen und mittlere Schichten unter zunehmenden Abstiegsdruck geraten und bereits marginalisierte Gruppen ganz aus Arbeitsmarkt und urbanem Leben ausgeschlossen werden und sich dann auch weniger an Regeln gebunden fühlen können.

Das Anomieproblem moderner Gesellschaften wird in einer machtverzerrten Perspektive stets als Randgruppen- und Unterschichtenproblem diskutiert. Es müßte demgegenüber viel genauer untersucht werden, ob die Anomie von Machteliten verschiedenster Ebenen nicht aus-schlaggebender ist

Sozialräumliche Segmentierungen nehmen wieder zu und werden sichtbarer. Führt dies, so wird zunehmend gefragt, zum „Ende der zivilisierten Stadt“, vor allem in Gestalt zunehmender Gewaltdelinquenz?

Vgl. Eisner, M.: Das Ende der zivilisierten Stadt? Die Auswirkungen von Modernisierung und urbaner Krise auf Gewaltdelinquenz. – Frankfurt a.M., New York 1997

Am Beispiel der klassischen modernen Fremdzwanginstanz Polizei ist in einer Untersuchung der niedersächsischen Polizeireform gezeigt worden, daß selbst bei einer so durch Fremdzwangmodelle geprägten Thematik wie der der urbanen Gewaltrisiken die Suche nach neuen sozialräumlichen Steuerungsstilen vielversprechender ist:

„Zwischen die herkömmliche Dichotomie von externer Fremdsteuerung durch formale Instanzen der sozialen Kontrolle und von interner Steuerung der Individuen durch Selbstzwänge tritt ein neuer intermediärer Kontrollmodus in Form einer kooperativen Netzwerksteuerung; sie kompensiert das Defizit, daß urbane öffentliche Räume kein Orientierungsrahmen mehr für die Verhaltensregulierung in der Öffentlichkeit sind.“

Vgl. Schubert, H.: Tendenzen der Verhaltensregulierung in urbanen öffentlichen Räumen. – Hannover, 15.12.1998, S. 28 (unveröffentl. Habilitationsvortrag)

Schließlich sollten über dem gegenwärtigen Urbanitätsthema nicht die grundlegenderen Schichten großformatiger sozialräumlicher Formationen übersehen werden. Sie sind die vielleicht typischsten Beispiele von Strukturprozessen langer Dauer. Wesentliche Strukturgrenzen Europas wie der Römische Limes, die Teilung des Römischen Reiches 395, das kirchliche Schisma Byzanz-Rom 1054, die Grenzen des Karolingerreiches um 800 unserer Zeitrechnung, die Doppelgrenze der Reformation-Gegenreformation haben innereuropäische Zivilisations-, Macht-, Wohlstands-, Prestige- und eben auch Urbanisierungsgefälle bis in unsere Zeit wirksam beeinflußt.

Vgl. Geiss, I.: Geschichte im Überblick: Daten und Zusammenhänge der Weltgeschichte. – Reinbek bei Hamburg, Neuausgabe 1995, S. 211 ff.

Auch hier gilt: Nur die Kenntnis der langfristigen Infrastruktur ungeplanter sozialer Prozesse eröffnet gegenwärtige und zukünftige Orientierungs- und Planungschancen.

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