1. bookVolume 56 (1998): Issue 5-6 (September 1998)
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Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Dezentrale Konzentration in Großstadtregionen

Published Online: 30 Sep 1998
Volume & Issue: Volume 56 (1998) - Issue 5-6 (September 1998)
Page range: 343 - 351
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eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
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6 times per year
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German, English
Kurzfassung

Das Leitbild der „dezentralen Konzentration‟ für Großstadtregionen orientiert auf die „Stadt vor der Stadt‟. Dazu bedarf es der Absicherung in Flächennutzungs- bzw. Standortinteressen insbesondere der gewerblichen Wirtschaft. Entsprechende Potentiale aufzuspüren, war Ziel einer DFG-Studie mit Fallstudien in ausgewählten Räumen. Die Untersuchung vom Verlauf der Gewerbesuburbanisierung und dem Umgang damit ergab nur bedingt derartige Potentiale. Während die hauptsächliche Entwicklung in der Peripherie der Kernstädte als Ausbreitung und ungeordnet höchstens eine „faktische konzentrierte Dezentralisierung‟ darstellt und Städte im „2. Ring‟ bisweilen eine interessante „relative dezentrale Konzentration‟ aufweisen, verzeichnen die dafür eigentlich prädestinierten Mittelzentren des „1. Rings‟ lediglich eine „verhinderte dezentrale Konzentration‟. Entsprechender Handlungsbedarf zeichnet sich ab: für den „Speckgürtel‟ eine auf Zentren orientierte Anreicherung bzw. Profilierung; für den 1. Ring eine Sicherung von Ansätzen und für den 2. Ring eine Stabilisierung. In jedem Fall ist die regionale Raumordnung gefordert.

Einordnung

Stadt- und Regionalplanung in Deutschland erleben seit gut zehn Jahren wiederum eine engagierte Diskussion über Leitbilder räumlicher Entwicklung. Diese beziehen sich gleichermaßen auf kleinräumliche Strukturen des Städtebaus (etwa: Nutzungsmischung) wie auf großräumliche der Regionalplanung (z.B. Städtenetze) bzw. auf beides (wie insbes. Nachhaltigkeit).

Die Diskussion hat einen wahrnehmbaren Schub auch dadurch bekommen, daß für die bundesdeutsche Raumordnung mit dem Raumordnungspolitischen Orientierungsrahmen

Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (Hrsg): Raumordnungs-politischer Orientierungsrahmen. Leitbilder für die räumliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland. – Bonn 1993

und dem Raumordnungspolitischen Handlungsrahmen

Dass. (Hrsg.): Raumordnungspolitischer Hand-lungsrahmen. – Bonn 1995

bzw. mit dem Städtebaubericht zur nachhaltigen Stadtentwicklung

Dass (Hrsg.): Dezentrale Konzentration – neue Perspektiven der Siedlungsentwicklung in den Stadtregionen? – Bonn 1996. = BMBau-Schriftenteihe „Forschung“, H. 497, S. 4 ff.

derartige Leitbildvorstellungen auch offiziös geworden sind. Dazu zählt insbesondere auch das Leitbild der „dezentralen Konzentration‟.

Dass (Hrsg.): Dezentrale Konzentration – neue perspektiven der Siedlungsentwicklung in den Stadtregionen? – Bonn 1996. = BMBau-Schriftenreihe „Forschung“, H. 497, S. 4 ff.

Dieses ist demnach von Bedeutung in dreifacher Hinsicht:

auf nationaler Ebene im Sinne einer Weiterentwicklung der – großräumig betrachtet – dezentralen Siedlungsstruktur der Bundesrepublik (d.h. Ablehnung einer Konzentration z.B. auf die „blaue Banane‟, den Großraum Berlin oder ähnliches);

im Hinblick auf agglomerationsferne Räume als Strategie einer konzentrierten Förderung „ausgewählter Kristallisationspunkte‟; und

im Hinblick auf Stadtregionen als „Entlastungsstrategie‟, um Entwicklungsbeeinträchtigungen entgegenzuwirken.

Eine Siedlungsstruktur „dezentraler Konzentration‟ speziell in Verdichtungsräumen soll deren Funktionsfähigkeit optimieren, indem die Kernstädte „entlastet‟ und das Umland mittels leistungsfähiger Teilstandorte „geordnet‟ wird. Unabhängig von tatsächlichem Entlastungs- bzw. Orientierungsbedarf jeweils vor Ort geht diese Raumordnungsstrategie davon aus, daß

sich leistungsfähige Orte als kombinierte Wohn- und Arbeitsstandorte herausbilden lassen; bzw. daß

es in Großstadtregionen Ansiedlungspotential gibt, für das dezentrale Standorte geeignet sind, die jedoch – um hochwertiger Qualitäten willen – zugleich konzentriert strukturiert sind; d.h. daß

sich die (kompakte) „Stadt vor der Stadt‟ entwickeln läßt.

Fragen

Damit ergibt sich erheblicher Klärungsbedarf im Hinblick auf die Umsetzbarkeit dieses Leitbildes – zumal es in wesentlichen Annahmen und Erwartungen keineswegs neu ist:

Vgl. Stiens, G.: Veränderte Entwicklungskon-zeptionen für den Raum außerhalb der großen Agglomerationsräume: Von der monozentrisch dezentralen Konzentration zur interurbanen Vernetzung. In: Informationen zur Raumentwicklung (1994) H. 7/8, S. 427–445

Mindestens wegen seiner bisherigen Nicht- Umsetzung ist also die Frage, wie sich normative Vorstellungen der Raumordnung zur Empirie siedlungsstruktureller und sozioökonomischer Entwicklungen verhalten. Um einem möglichst illusionsfreien und insofern erfolgreichen Umgang mit den programmatischen Absichten räumlicher Entwicklung, wie sie mit „dezentraler Konzentration‟ in Verdichtungsräumen gemeint sind, den Weg zu ebnen, ist in einem Forschungsprojekt untersucht worden,

Brake, K.; Danielzyk, R.; Karsten, M.; Rudolph, A.: „Dezentrale Konzentration“ – empirische Implikationen eines raumordnerischen Leitbildes. Forschungsbericht (DFG). – Oldenburg, Juni 1997. Bearbeitungszeitraum: 1995/1996. In den vier Fallregionen (Bremen, Hannover, Frankfurt a.M.., München) fanden u.a. Gespräche mit 133 Expert(inn)en statt.

inwieweit flächennutzende Akteure, und zwar gezielt der gewerblichen Wirtschaft,

In gewisser Weise parallel zur Studie: Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (Hrsg.): Dezentrale Konzentration . . ., a.a.O. [siehe Anm. (4)], die im wesentlichen auf der Bevolkerungssuburbanisierung aufbaut.

innerhalb von Großstadtregionen Standortaffinitäten erkennen lassen, die sich einer Siedlungsstruktur dezentraler Konzentration und dementsprechenden Standortqualitäten annähern, so daß auf derartige Interessen „aufgesattelt“ werden kann, um die Vitalisierung der Implikationen dieses Leitbildes insgesamt zu befördern.

Dabei wurden die Möglichkeiten „dezentraler Konzentration“ vor dem Hintergrund ablaufender Suburbanisierungsprozesse in deutschen Verdichtungsräumen betrachtet und im Hinblick auf den aktuellen sozio- ökonomischen Wandel interpretiert. Zu diesem Zweck wurden in verschieden strukturierten und unterschiedlich „dynamischen“ Verdichtungsräumen der Bundesrepublik (Bremen, Hannover, Frankfurt/Main, München) empirische Erhebungen unter folgenden Fragestellungen durchgeführt:

Darstellung des jüngeren Suburbanisierungsprozesses insbesondere im Himblick auf die Entwicklung von potentiellen Standorten dezentraler Konzentration (z.B. Mittelzentren in einem Ring um die jeweilige Kernstadt) und die Entwicklung der unmittelbar an die Kernstadt angrenzenden Gemeinden; hierzu wurde – eher quantitativ- die Arbeitsplatzentwicklung 1970/87 bzw. 1987/94 ausgewertet.

Untersuchung von Faktoren, die aus Sicht von Unternehmen die Standortwahl im Umland großer Städte beeinflussen; bzw. Erhebung der Auffassungen verantwortlicher Planer (innen) bzw. anderer Fachleute zu der Frage, ob in den jeweiligen Verdichtungsräumen Chancen auf eine Realisierbarkeit des Leitbildes „dezentrale Konzentration“ bestehen; hierzu wurden – in betont qualitativem Sinne – Expertengespräche geführt.

Rahmen

Dezentrale Konzentration in Verdichtungsräumen im Verständnis dieser Fragestellung ist eine offensive Auseinandersetzung mit Suburbanisierung bzw. Entwicklung im Außenbereich (neue Peripherie oder „Zwischenstadt“

Sieverts, T.: Zwischenstadt – zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land. – Braunschweig, Wiesbaden 1997

). Eine Abschätzung von Potentialen dezentraler Konzentration hat es daher mit zwei zentralen Entwicklungssträngen zu tun:

Bereits beobachtbare Befunde von Suburbanisierung basieren im wesentlichen auf Aktionsformen und Lokalisationsmustern im Rahmen einer über Jahrzehnte erfahrungsreichen Praxis des Wirtschaftens: Dezentralisierungstendenzen in Stadtregionen hägen insofern vor allem zusammen mit der Philosophie von „economies of scale“, der fordistischen Form industrieller Wirtschaft und den entsprechenden Strukturen von Massenproduktion, -konsum und -kultur. Damit korrespondieren Bewertungen ganz bestimmter Standortfaktoren (Fläche, Verkehrsanbindung usw.) und eine Affinität zu nicht integrierten Mikrostandorten, womit sich z.B. der „Speckgürtel“ erklärt. Für die weitere Entwicklung von Suburbanisierung – und damit für die räumliche Kulisse „dezentraler Konzentration“ – muß auch mit solchen Ausprägungen noch gerechnet werden.

Dezentralisierungspotentiale gewerblicher Wirtschaft in der Zukunft – und mit ihnen hätte es das Leitbild insbesondere ja zu tun – bilden sich zu einem erheblichen Teil heraus im Zuge des aktuellen Wirtschafts- und Sozialstrukturwandels, der durch Flexibilisierung einschließlich entsprechender neuer Organisationskonzepte und Technologien im Zuge von Globalisierung geprägt ist. In deren Logik spricht jedoch einiges dafür, daß mit den Möglichkeiten erweiterter Ubiquitäten, entfesselter Dezentralisierung und flüchtigeren Ortsbezuges in zweierlei Hinsicht dennoch Tendenzen auch korrespondieren, Dezentralisierungspotential durchaus in Großstadtregionen zu binden: Zunächst erfordert flexibles Agieren höhere Verbindlichkeiten von Kooperation und Qualitätssicherung und stärkt Interessen an einer verläßlichen Ausgangs-Basis; Möglichkeiten einer Reduzierung der „Transaktionskosten“, der Entwicklung eines lokalen Bestandes an spezifischem Wissen und eingespielter Netzwerke von Zulieferern und Nutzung einer spezifischen Infrastruktur bilden demnach Vorteile engerer räumlicher Verflechtung („Regionalisierung bei Globalisierung“

Danielzyk, R. Oßenbrügge, J.: Globalisierung und lokale Handlungsspielräume. In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 40 (1996), S. 101–112

). Darüber hinaus bewirkt der durch Flexibilisierung bedingte spezifische Bedarf an strategischen untemehmensberatenden Dienstleistungen ein partiell nochmals steigendes Interesse an räumlichr Nähe zu einigen Kooperanten, an „face-to- face-Kontakten“ und damit an z.T. komplexeren Mikrostandorten und betont regionalen Netzwerken („weltweites Agieren bei urbanem Milieu“ erklärt u.a. die großstädtische Zentralisierung von Non-routine-Dienstlei- stungstätigkeiten bei fortgeschrittener Telekommunikation). Insofern ergibt eine Plausibilitäts-Abschätzung von Potentialen dezentraler Konzentration im Kontext des aktuellen Wirtschafts- Strukturwandels der Flexibilisierung und seiner absehbaren räumlichen Entwicklungslinien: In der Dialektik von Globalisierung und Regionalisierung sind auch deutliche Tendenzen zur Herausbildung komplexer Standortstrakturen (stadt-)regionalen Zuschnittes zu identifizieren.

Befunde

Im Ergebnis der Fallstudien (s.o.) stellt zunächst die räumliche Verteilung von Arbeitsplätzen in den Großstadtregionen von 1970-1994 eine deutliche Gewerbe-Suburbanisierang dar; sie bildet ein gewerbliches Dezentralisierungs- Potential, d.h. für Ansiedlungen im Umland. Träger sind zunehmend mehr – und auch untemehmensbezogene Dienstleistungen.

Im insgesamt – und räumlich ausgeweiteten – suburbanisierten Bereich lassen sich unter dem Aspekt von Konzentration drei unterschiedliche Raumtypen feststellen:

Der suburbane Gürtel i.e.S. (Kernstadt und angrenzende Gemeinden) bildet die wesentliche Entwicklung und die überwiegende Masse der Dezentralisierung ab; dies beruht erheblich auf Verlagerungen, aber auch auf Zuzügen, die zwar den Gesamtstandort „Großstadtregion“ suchen, jedoch nicht dessen Zentrum; und beruht damit durchaus auf „Dezentralisierungs- Potential“, wenn auch nur mit höchstens indirekter „Entlastungsfunktion“. Dieser Raum ist im wesentlichen diffus strukturiert, sowohl siedlungsmäßig amorph als auch wirtschaftsstrukturell unspezifisch. Durchaus auftretende konzentrierte Standortentwicklungen (insbes. Einkaufszentren, Freizeitgroßeinrichtungen) unterscheiden sich von der inneren Stadt als Standort qualitativ anderer Aktivitäten im bisweilen gleichen Wirtschaftssegment (insbes. spezialisierter Einzelhandel, experimentelle Kultur usw.). Insofern werden Mikrostandort-Quali- täten, Lagegunst u.ä. der inneren Stadt auch partiell nicht “außen” substituiert. Der Suburbanisierungsvorgang in der populären Art eines simplen (d.h. quantitativen) Überschwappens und sich Ausbreitens würde also primär nicht zu einer „Entlastung“ (nämlich der Kernstadt ) beitragen – zumal bei wenig vernetzten (Verkehrs-Infrastrukturen.

Vgl. Holz-Rau, C: Integrierte Verkehrsplanung – die herausgeforderte Fachplanung. In: Informationen zur Raumentwicklung (1996) H. 7/8, S. 391–415

„Entlastung“ bzw. „Ordnung“ als stadtregionale Arbeitsteilung und Spezialisierung von Teilstandorten sind insgesamt so gering nur herausgebildet, daß – gerade wegen der programmatischen Implikationen des Leitbildes – hier höchstens von einer „faktischen “ dezentralen Konzentration gesprochen werden kann.

Am Rande des suburbanen Gürtels fallen mittelgroße „gewachsene“ Orte auf, die durchaus eine Konzentration von Arbeitsplatzzuwächsen verbuchen können. Diese Orte hegen vielfach an (insbes. Schienen-)Verkehrsstrecken, die radial in das Regionszentrum führen. Sie sind in der Regel als Mittelzentren ausgewiesen und werden gerne als „1. Ring“ bezeichnet. Als „Standorte auf halbem Wege“ (zwischen Speckgürtel und 2. Ring) erscheinen sie vielfach als interessant – wenn nicht gar prädestiniert – für dezentrale Konzentration; eine tatsächliche entsprechende Funktion läßt sich mit dieser Untersuchung jedoch nicht bestätigen. Indem diese Orte sozioökonomisch eher eine jeweils ähnliche Struktur abbilden und als Standorttyp zu schwach erscheinen, sich zu profilieren, wirken sie eher wie „ verhinderte ” dezentrale Konzentration.

In einem äußeren (d.h. gewöhnlich: zweiten) Ring finden sich mittelgroße Städte mit eigenständiger Standortentwicklung. Sie entsprechen recht weitgehend dem Bild von „dezentraler Konzentration“, d.h. sie weisen Dynamik in der Arbeitsplatzentwicklung auf und behaupten sich erfolgreich als Standorte in der (weiteren) Gebietskulisse ihrer Großstadtregion. Im Gegensatz zu den Standorten im (bzw. nahe zum) suburbanen Raum profitieren sie dabei jedoch offenbar nicht von Verlagerungen aus der Kernstadt, sondern eher von Zuzug in die Region bzw. auf jeden Fall von Eigenentwicklung. Insofern erfüllen sie nicht unmittelbar die Leitbild-Implikation der „Entlastung“. Auch scheinen sie nicht konstitutives Element innerregionaler Arbeitsteilung zu sein: Funktionale Verflechtungen mit der übrigen Großstadtregion sind im wesentlichen nicht zu registrieren. Wegen des vergleichsweise geringen Grades an Einbindung in die gesamte Großstadtregion wäre hier von einer „ relativen ” dezentralen Konzentration zu sprechen; sie beruht erheblich auf „Bündeleffekten“ in dezentraler Lage.

Diese Raumtypen innerhalb des gesamten Suburbanisierungs-Gebietes von Großstadtregionen bedeuten nun im Hinblick auf raumstrukturelle Implikationen des aktuellen sozioökonomischen Wandels zunächst folgendes:

Es sind Standortentwicklungen beobachtbar, die erstaunlich eigenständig sind. Sie liegen (wie z.B. Verden, Celle, Freising) abseits des suburbanen Gürtels und hängen sehr eng zusammen mit einer dort beobachtbaren Art von Wirtschaftsverbund-Komplex (Tiernahrung/ -Zucht; Erdölförderungstechnologie; Landwirtschafts-Infrastruktur) und demgemäß mit stärkeren internen Kooperationsbeziehungen. Diese Standorte kommen den plausiblen Thesen von „Cluster“-Bildung recht nahe. Zudem haben sie historisch geprägten städtischen Charakter und weisen ein geringeres Maß an Überformung des tradierten Besiedlungsbildes auf: Zum Beispiel Bad Homburg (aber auch Starnberg) stellt einen relativ qualifizierten dezentralen (Dienstleistungs-) Standort dar und entspricht recht weitgehend den Orten, die sich als „Mittelstädte“ mit einem Mindestniveau von Urbanitätsqualitäten als Standorte entwickeln können.

Brake, K.: Zentrale und dezentrale Tendenzen im deutschen Städtesystem. In: Geographische Rundschau 45 (1993) H. 4, S. 248–249

Es sind Standortentwicklungen beobachtbar, die innerhalb des „Speckgürtels“ relativ konzentriert bzw. spezialisiert sind (z.B. Unterföhring: Medien; Aschheim (M), Kelsterbach (FfM): Distribution). Sie entsprechen eher den Thesen über die Minimierung von Transaktionskosten, über die Nutzung gemeinsamer Infrastruktur bzw. über die „Lokalisationseffekte“ von Agglomerationsvorteilen.

Es sind Standortentwicklungen im suburbanen Raum zu beobachten, die eher als weitläufigere „Schwerpunkt-Zonen“ zu bezeichnen sind, und zwar vorrangig offenbar für Distributions-Tätigkeiten. Dabei sind Unterschiede bemerkbar, wie etwa zwischen dem Raum Hannover oder Bremen, wo vor allem Anbieter für die Ausstattung von Bauten i.w.S. auffallen, und dem Raum Frankfurt am Main (insbes. im Westen und Süden) oder München (im Norden, im Osten und im Süden), wo vor allem EDV-Anbieter (Produzenten, Vertrieb, Service, Schulung usw.) dominieren. Während diese oft Europa-Vorposten ausländischer Produzenten und insofern ein direkter Reflex von Globalisierung sind, scheint die Struktur im Raum Bremen bzw. Hannover eher national/regional determiniert zu sein. In beiden Fällen handelt es sich jedoch um eine räumliche/ standörtliche Begleiterscheinung von Flexibilisierung und Extemalisierung. Die vielfach auch aus anderen Nutzungen und Besiedlungsstilen gemischte Struktur dieser Gebiete korrespondiert mit Merkmalen offener Strukturen. Inwieweit sie auch als „robuste“ Strukturen interpretiert werden können, wie sie für temporäre Netzwerke oder strategische Allianzen interessant erscheinen, so daß derartige Standorte den Thesen über “flexible” Raumstrukturen entsprechen

Ronneberger, K.; Schmid, C.: Globalisierung und Metropolenpolitik: Überlegungen zum Urbanisierungsprozeß der 90er Jahre. In: Hitz, H. u.a:. (Hrsg.): Capitales Fatales: Urbanisierung und Politik in den Finanzmetropolen Frankfurt und Zürich. – Zürich 1995, S. 354–378

, soll hier nicht vertieft werden.

Die in den Fallregionen beobachtbaren Formen und Tendenzen von Gewerbe- Suburbanisierung lassen insgesamt und im Hinblick auf das Leitbild und seine raumordnerischen Implikationen auf ein nur sehr geringes Potential für „dezentrale Konzentration“ schließen. Das gilt insbesondere für die Erwartung von „Entlastung“, und zwar mittels „eigenständiger“ dezentraler Standorte (die „Stadt vor der Stadt“). Eine eher implizite Erwartung dieses Leitbildes könnte jedoch darin gesehen werden, den – im weitesten Sinne umrissenen – suburbanen Raum „zu ordnen“: entweder unter eher siedlungsästhetischen Aspekten (der Gliederung, Zäsuren, Kanten usw.) bzw. ebenso unter ökologischen Aspekten, oder eben im Hinblick auf Konturierung und Qualifizierung von Teilstandorten. Für dieses Teil-Ziel „dezentraler Konzentration“ erbringen die Fallstudien dagegen eine Reihe von Hinweisen auf Ansätze dazu (wenn auch nicht auf „Potentiale“).

Anknüpfungspunkte

Eine wesentliche Implikation des Leitbildes der „dezentralen Konzentration“ (und damit seiner Realisierbarkeit) stellen entsprechend qualifizierte dezentrale Ansiedlungen dar. Angesichts der nach außen drängenden Kernstädte einerseits und der weiter außen gelegenen Orte „relativer dezentraler Konzentration“ andererseits bedeutet das im wesentlichen doch die Suche nach Potential gerade für „Standorte auf dem halben Wege“ dazwischen: qualifiziert im Sinne von eigenständiger Entwicklung und partieller Substituierung städtischer Lagegunst, um qualifiziertes Ansiedlungspotential „jenseits des Stadtrandes“ zu binden.

Die Fallstudien haben für die bereits nachvollziehbare Siedlungsentwicklung nur sehr begrenzt Bindungskräfte solcher Art dezentraler Konzentration aufzeigen können. Das mag ein grundsätzliches – und womöglich weiter wirkendes – Dilemma offenbaren. Generell korrespondieren „bestimmte“ Standortaffinitäten mit einer relativ ausgeprägten Spezifik von Aktivitäten/Gewerben/Betrieben bzw. „ubiquitäre“ Standortausstattungen eher mit „unbestimmten“, d.h. vielfach und vielerorts bedienbaren Anforderungen an das Tätigkeits-Umfeld – was die Herausbildung profilierter (Teil-)Standorte, wie sie mit dezentraler Konzentration jedoch gemeint sind, erschweren würde.

Die häufigen Hinweise darauf, daß ein (Mikro-)Standort im wesentlichen verkehrsgünstig liegen muß, bedeutet gewöhnlich, daß er einen guten Zugang zum (Straßen-)Netz derjenigen Stadtregion haben muß, deren Standortqualitäten insgesamt und als verfügbar vorausgesetzt werden. Imeinzelnen ist das jedoch durchaus unterschiedlich einzuordnen: Im Raum Bremen und Hannover verbindet sich das mit Regionen, deren eher geringer differenzierte Wirtschaftsstruktur auch einen recht „allgemeinen“ Gesamtstandort repräsentiert; während die Regionen Frankfurt am Main und München durchaus spezialisierte Teilstandorte aufweisen und auch entsprechend profilierte Wirtschaftsstrukturen (und Gesamtstandorte) darstellen. Dieser Zusammenhang von Wirtschafts- und Siedlungsstrukturen scheint bedeutsam.

Im Zuge des aktuellen Wirtschaftsstrukturwandels, scheinen sich Betriebstypen und Kooperationen herauszubilden, mit denen die Zuordnung eindeutiger Führungs- oder Ausführungs-Rollen weniger korrespondiert, eine Flexibilität auch mit räumlichen Ressourcen dagegen stärker einhergeht. Das könnte die Konjunktur des Interesses an „offenen“ oder „robusten“ Siedlungsstrukturen erklären. Von daher könnten jedoch Ansätze für differenzierte Teilstandorte – insbesondere im ohnehin eher „unspezifischen“ suburbanen Gürtel eher wirkungsloser werden. Und damit könnte auch eine Strategie „dezentraler Konzentration“ beeinträchtigt sein, zumal in Gestalt von „Standorten auf halbem Wege“, nämlich zwischen Speckgürtel und 2. Ring.

Mit dieser Potential-Schwäche korrespondiert zudem die allgemeine Beobachtung, daß speziell Verlagerungen von produzierendem Gewerbe aus der Kernstadt

Einem, E. von: Regionale Muster der zwischenbetrieblichen Kooperation – dynamische Wirtschaftsregionen als Voraussetzung und Folge der flexiblen Spezialisierung? In: Krumbein, W.: (Hrsg.): Ökonomische und politische Netzwerke in der Region. Beiträge aus der internationalen Debatte. – Münster, Hamburg 1994, S. 271–299 (= Politik und Ökonomie, Bd. 1)

entweder nur in ganz kurzer Distanz (und im angestammten axialen Korridor/vgl. Hannover) oder gleich ganz weit weg (> 200 km) stattfinden – den Zwischenraum also aussparen.

Da Formen dezentraler Konzentration, die dem Leitbild an sich weitgehend entsprechen und sich insbesondere mit mittelgroßen Orten des „1. Ringes“ verbinden würden, im wesentlichen nicht feststellbar gewesen sind, sollen diese „Standorte auf halbem Wege“ (zwischen Speckgürtel und 2. Ring) daher auch konzeptionell hier nicht weiter betrachtet werden. Zumal die Ursachen für dieses Defizit auch nicht näher untersucht sind. Sie könnten damit Zusammenhängen, daß diese Orte ebenso „zerrieben“ werden zwischen attraktiven Standorttypen, wie sie zugleich zu schwach sind, sich zu profilieren. Dann könnte darüber nachgedacht werden, inwieweit sich derartige Orte vermittels Kooperation stärken; z.B. auch durch Städtevemetzung, so daß diese – ebenfalls im Raumordnungspolitischen Orientierungsrahmen formulierte – Strategie ergänzend zum Tragen kommen könnte, und zwar in der Variante für verdichtungsraumnahe Gebiete.

Brake, K. Knieling, J.; Müller, W.: Städtenetze – Vernetzungspotentiale und Vernetzungskonzepte. – Bonn 1996. = Materialien zur Raumentwicklung, Nr. 76

Darüber hinaus deuten sich Spielräume dafür an, das Konzept der dezentralen Konzentration – eventuell modifiziert – weiterzuverfolgen; diese lassen sich an den anderen Varianten dezentraler Konzentration illustrieren, die in den Stadtregionen auftreten.

Ein ernst zu nehmender Ansatzpunkt ist zunächst der Entwicklungstyp der „relativen dezentralen Konzentration“ – die mittelgroßen Städte des „2. Ringes“ mit eigenständiger Entwicklung: Zwar nehmen sie die zentrale Implikation des Leitbildes, nämlich “Entlastung”, offenbar (noch) nicht wahr, jedoch repräsentieren sie bereits am deutlichsten das Siedlungsstruktur- Element dezentraler Konzentration in Großstadtregionen. Entsprechende Ansatzpunkte sollten weiterentwickelt werden, und zwar insbesondere im Hinblick auf eine stärkere Integration in die (groß-)stadtregionale Spezialisierung und Arbeitsteilung. Dafür könnte eine bessere verkehrliche Erschließung mit ÖPNV, insbesondere auch für tangentiale innerregionale Mobilität, unterstützend wirken. Im übrigen wären entsprechende Orte insbesondere auch raumordnerisch weiterzuentwickeln. Dafür scheint auch ihre deutliche Entfernung zur Kemstadt förderlich zu sein. Insofern wäre zu prüfen, wie weit entfernt gelegene Städte eine solche kooperative Funktion überhaupt noch erfüllen. Wobei (Berufs-)Pendelrelationen nicht ausreichend wären, so daß in der Diskussion befindliche Beispiele – wie etwa: Fulda als Ort dezentraler Konzentration „für“ Frankfurt am Main – noch zu problematisieren wären. Desgleichen wäre dieser Ansatz – auf Verdichtungsräume bezogener dezentraler Konzentration – entsprechend auch strategisch nicht gleichzusetzen mit dem Konzept Brandenburgs etwa, nämlich die Entwicklung des gesamten Landes mit der Strategie einer konzentrierten Dezentralisierung der Entwicklungsdynamik ihres Zentrums zu verbinden: Ablenkung von Entwicklungspotential nach außen bedeutet im Prinzip immer vom Zentrum aus (Berlin) gleich 65 oder 110 km weit (bis Neuruppin oder Cottbus). Während in anderen Regionen bereits Orte des- ca. 45 km entfernt gelegenen „2. Ringes“ höchstens als Standorte „relativer“ dezentraler Konzentration fungieren, auch indem sie in eine großstadtregionale Arbeitsteilung schon nicht mehr richtig eingebunden sind – und von daher ein Augenmerk auf (Stand-) Orte “auf halbem Wege” gerichtet werden müßte -, bleibt gerade dieser (Zwischen-) Raum jenseits des suburbanen Gürtels in Brandenburg raumordnerisch im Sinne dezentraler Konzentration ohne erkennbare Ausweisungen.

Des weiteren bildet der Entwicklungstyp der „faktischen dezentralen Konzentration“ einen ganz wesentlichen Ansatzpunkt für den weiteren Umgang mit diesem Leitbild bzw. Konzept. Allerdings nicht, weil er den (normativen/idealen) Implikationen dezentraler Konzentration in Großstadtregionen so sehr entspräche; vielmehr, weil Dezentralisierung und Konzentration zugleich – auch mittelfristig wirksam – am deutlichsten im suburbanen Gürtel auftreten. Diesen Befund unterstützen auch Beobachtungen ostdeutscher Regionen (s.u.); und in die gleiche Richtung laufen auch die Befunde einer Studie des Bundesministeriums für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau

Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (Hrsg.): Dezentrale Konzentration . . ., a.a.O. [siehe Anm. (4)]

zur dezentralen Konzentration, die jedoch im wesentlichen die Standortmuster von Wohnen/Bevölkerung betrachtet: Hier wird noch viel unmittelbarer argumentiert, daß der suburbane Gürtel der Raum mittelfristig bedeutsamer Gestaltungsaufgaben ist.

Diese dritte Variante hängt auf das engste mit dem Prozeß der Dezentralisierung in Stadtregionen selbst zusammen und soll noch vertieft betrachtet werden. Bisweilen sind Teilgebiete des suburbanen Raums solcher Art öfters Ansatzpunkte „thematischer“ Erweiterungen: Vor allem reine – und oft aus nur einem Betrieb bestehende – Einkaufszentren werden arrondiert um andere (Fach-)Märkte, um Einrichtungen des Freizeitsports (Fitneßzentren, „Spaßbäder“ usw.), der Unterhaltung (Groß-Discos, Cinemaxx usw.), um Büroflächen oder auch um Wohnungsbau. Damit fände so etwas wie eine siedlungsstrukturelle Qualifizierung als Teilstandort und im Hinblick auf dezentrale Konzentration statt; auch wenn städtebauliche bzw. „Urbanitäts“-Vorstellungen noch unvollständig erfüllt wären – diejenigen einer Multi-Funktionalität und der Konzentration jedoch wären es recht deutlich.

Die Einbettung in den insgesamt eher ungeordneten und unprofilierten suburbanen Raum behaftet diese Variante noch mit (nachvollziehbaren) Vorurteilen und rückt sie in die Nähe der Thesen über die „Amerikanisierung“ unserer Verstädterung, insbesondere des Typs der „edge cities“ in den USA:

Rohr-Zänker, R.: Neue Zentrenstrukturen in den USA – eine Perspektive für Dezentrale Konzentration in Deutschland? In: Archiv für Kommunalwissenschaften II (1996), S. 196–225

Höchstens deren entwickeltste Form der „suburbanen Wirtschaftsräume“, die nämlich auch Arbeitsmarktzentren sind und zumal als „geplante“ edge cities deutlich geringer disparate Strukturen aufweisen, könnten dem Leitbild dezentraler Konzentration im Sinne des Raumordnungspolitischen Orientierungsrahmens nahekommen. Damit könnte dieses Beispiel von Interesse sein, auch wenn sich diese Variante dezentraler Konzentration als (einzig) mögliche in Deutschland nicht unbedingt durchsetzen muß. Immerhin gilt in den USA in ganz anderer Weise Platz für solche Suburbanisierungen als vorhanden und hat sich eine „Planungs-Kultur“ herausgebildet, die mit dem „laissez faire“ des liberalen Staates mehr übereinstimmt als mit den Spielregeln eines Sozialstaates.

Von daher ist es interessant, wie derartige Prozesse in Deutschland ablaufen, wenn die Rahmenbedingungen entsprechend anders sind: Das Gebiet der ehemaligen DDR ist als Experimentierfeld deregulierter Marktwirtschaft und als Gebiet vergleichsweise großer Platzreserven infolge gering ausgeprägter Suburbanisierung dafür ein interessanter Referenzraum zu westdeutschen Verdichtungsräumen, auf die sich die Fallstudien auch gerade wegen der vergleichbaren Rahmenbedingungen konzentriert haben. Dabei reizt weniger der Brandenburger Ansatz einer Landesentwicklung, d.h. insbesondere der peripheren Gebiete, qua dezentraler Konzentration

Vgl. oben bzw. Einem, E. von: Die Illusion der Berlin-Brandenburgischen Landesplanung. In: Raumforschung und Raumordnung (1993) H. 2–3, S. 90–102

, als vielmehr ein Realprozeß wie im Raum Leipzig (-Halle).

Die entsprechende Referenzbetrachtung des Forschungsprojekts beruht ihrerseits auf einer entsprechenden Diplomarbeit; vgl. Glatthaar, M.: Aktuelle Tendenzen der Stadt-Umland-Entwicklung. Das Beispiel der Stadtregion Leipzig. Konzept der Dezentralen Konzentration. Diplomarbeit im Fachbereich 3: Stadt- und Regionalplanung der Universitat Oldenburg. – Oldenburg 1997

Die besondere Ausgangslage bestand in einer nur marginalen Suburbanisierung und einem ausgeprägten 1. Ring solitärer Mittelzentren. Die besonderen Rahmenbedingungen der Entwicklung ab 1990 bestanden darin, daß regionale Raumordnung zunächst fehlte, Baulandausweisung der Umlandgemeinden jedoch um so mehr boomte; die gewerbliche Entwicklung bescherte bei galoppierender Deindustrialisierung kaum zentralörtlich orientierte Dienstleistungen (geschweige denn fertigende Gewerbe); hinzu kamen die für neue Stadtzentren funktionsuntüchtigen Innenstädte. Vor diesem Hintergrund ist der enorme Druck zur Ansiedlung zu sehen von Versorgung i.w.s. (Güter/Handel; Distribution (Messe/Quelle), Infrastruktur/Logistik (Flughafen/Verteilzentren/Speditionen), Dienste/Büroflächen (back-offices) und auch Wohnen). Im Ergebnis ist eine quantitativ enorme Bautätigkeit im Umland festzustellen, die sich räumlich jedoch kaum in Leipzig und fast gar nicht in den „prädestinierten“ Zentren des 1. Ringes festmachte,

Vgl. Usbeck, GmbH: Integriertes Regionales Entwicklungskonzept für den Landkreis Delitzsch (Anl.teil Protokolle). – Leipzig-Engelsdorf 1997; bzw. dieselbe: Der Wirtschaftsstandort Borna. – Leipzig-Engelsdorf 1998

sondern in der Peripherie der Zentralstadt, und zwar in einem west-/nord-/östlichen Kranz (entlang zweier Bundesautobahnen) großformatig, selektiv und insulär, d.h. kaum multifunktional und komplex. Bisweilen jedoch scheinen sich getrennte Vorhaben des Einzelhandels und Wohnens bzw. für Büros oder Freizeit von ihrer Lage her jeweils paarweise zu ergänzen; und Erweiterungs- bzw. zusätzliche Vorhaben, insbesondere für Freizeit, könnten sogar dazu führen, daß Standorte entstehen, die tendenziell komplexer und integriert sind.

Ebenda

Strategie einer qualifizierten Außenentwicklung

Was bedeutet das im Hinblick auf dezentrale Konzentration, d.h. Entlastung des Ausbreitungsdrucks vom Zentrum aus, und zwar auch mittels Ordnung des suburbanen Raumes im Sinne einer arbeitsteiligen Struktur von (Teil-)Standorten?

Angesichts der Leitbildimplikationen von Orten dezentraler Konzentration als „eigenständiger“ Standorte („Stadt vor der Stadt“) bzw. entsprechend positiver Ausprägungen im Entwicklungstyp „relativer dezentraler Konzentration“ (im „2. Ring“) müßte es generell darum gehen, Ansätze „faktischer dezentraler Konzentration“ weiterzuentwickeln, und zwar vor allem im Hinblick auf mehr „Eigenständigkeit“ bzw. innere Komplexbildung. Beides bezieht sich vorrangig auf die strukturellen Aspekte solcher Teilstandorte als Konzentrationen im suburbanen Gürtel. Die Aufgabe besteht darin, sie wahrnehmbar zu machen im ansonsten amorphen Umland, und zwar als attraktive profilierte Standorte. Dazu müßten sie eventuelle Merkmale von Monofunktionalität (etwa eines Einzelhandelsgroßmarktes) verlieren und – mit eher raumordnerischer Perspektive – „angereichert“ werden (um Wohnen, Dienstleistungen, Freizeit, Kultur usw.); bzw. müßten sie Merkmale einer „zufälligen“ (und damit beliebigen) inneren Struktur ablegen und – eher unter dem Aspekt des Standortes – „thematisch“ orientiert werden (auf Logistik, Medien o.ä.), um weniger verwechselbar zu werden. Damit ist eine Profilierung beschrieben, die auf eine gewisse Spezialisierung im Rahmen innerregionaler Arbeitsteilung hinausläuft und die auf jeden Fall städtebaulich flankiert werden müßte.

Positive Beispiele dafür ergaben die Fallstudien etwa im Umland von Bremen (Ortsmitte in Stuhr) bzw. von München (Grasbrunn). Ein kritisches Beispiel kann am Raum Leipzig illustriert werden: Bei dem bereits erreichten Grad an – auch mehrfunktionaler – Schwerpunktbildung innerhalb des Umlandes einerseits und bei der im übrigen noch moderaten Suburbanisierung andererseits wäre es eines konzeptionellen Sprungs nach vorne wert, sich regional nun auf eine qualifizierte faktische dezentrale Konzentration zu verständigen und „Anreicherungen“, wie sie dort noch zusätzlich gedacht sind, bewußt vorhandenen Entwicklungsschwerpunkten zuzuordnen.

Für alle möglichen konkreten Ansätze einer Qualifizierung von Standorten „faktischer dezentraler Konzentration“ und damit einer „Ordnung“ des suburbanen Gürtels wären auf jeden Fall zwei Maßnahmenbereiche zentral zu berücksichtigen:

eine effektive Einbindung entsprechender (Stand-)Orte in das stadtregionale Netz vor allem des ÖPNV, und zwar auch im Sinne innerregionaler „Tangential’-Mobilität;

die Orientierung auf Struktur und Qualität eines „integrierten Standortes“

Brake, K.: Nutzungsmischung und gewerbliche Wirtschaft. In: Informationen zur Raumentwicklung (1995) H. 6/7, S. 425–434

, der die Möglichkeiten räumlicher Nähe unterschiedlicher Aktivitäten sowohl innerhalb eines Unternehmen Verbundes als auch zwischen ganz anderen Akteuren eröffnet.

Beides gehört zusammen: Die notwendige verkehrliche Erreichbarkeit soll zugleich Anforderungen an eine Reduktion von Umweltbelastungen genügen; weitgehende Abgleichungen des Leitbildes der dezentralen Konzentration mit Ansprüchen „nachhaltiger Entwicklung“ sollen hier – über die flächensparenden Implikationen einer (kompakten) „Stadt vor der Stadt“ hinaus – nicht vorgenommen werden; jedoch wird zugleich unterstellt, daß auch der Verkehrsvermeidungs- Aspekt überhaupt nur umsetzbar ist im Zusammenhang mit Flächennutzungsstrukturen, die ein hohes Maß an kleinräumlicher Funktionsmischung begünstigen.

Vgl. Holz-Rau, C: Integrierte Verkehrsplanung . . ., a.a.O. [siehe Anm. (10)]; Kagermeier, A.: Verkehrsvermeidung durch dezentrale Konzentration. In: RaumPlanung 79 (1997)

Dezentrale Konzentration kann also auch dieser Nachhaltigkeits- Anforderung lediglich auf dem Wege der Nutzungsmischung gerecht werden. Analog gilt für nachhaltige Stadtentwicklung, daß ihrem innerstädtischen „Baustein“ der Dichte und Funktionsmischung im Außenbereich, d.h. im (suburbanen) Umland, die Konzeption der dezentralen Konzentration entspricht.

Brake, K; Netzbrandt, A.: Ziele und Leitbilder „machhaltiger Entwicklung“ im Hinblick auf die Siedlungsstrukturen in Großstadten. In: Brake, K.; Richter, U.: Sustainable Urban Development. – Oldenburg 1995, S. 31–35

Die aufgezeigten Möglichkeiten, das Konzept der dezentralen Konzentration „aufzusatteln“ auf förderliche Ansatzpunkte, impliziert ein Plädoyer für Auffangstrategien, d.h. im Hinblick auf Entwicklungsmöglichkeiten, die für die Zukunft dann erst als tragfähiger unterstelllt werden. Dies soll nicht als Ausweg aus Enttäuschungen mißgedeutet werden, als ein Vertrösten. Vielmehr ist davon auszugehen, daß Potentiale der Wirtschaftsstruktur für „konzentrierte Dezentralisierung“

Stiens, G.: Veränderte Entwicklungskonzeptionen . . ., a.a.O. [siehe Anm. (5)]

eher noch etwas zunehmen werden gerade im Zuge des Strukturwandels und insbesondere für Großstadtregionen. Diese Einschätzung bezieht sich zunächst darauf, daß – wie aufgezeigtbei flächennutzenden Akteuren der gewerblichen Wirtschaft durchaus Interesse an strukturell qualifizierten Teilstandorten im suburbanen Raum bereits besteht. Über diese vorhandenen Potentiale hinaus beruht diese Einschätzung auf zwei Entwicklungslinien: Zum einen werden im Zuge „flexibler Spezialisierung“ gerade Großstadtregionen interessante (Ge- samt-)Standorte sein für die Segmente der „Pilot-Kreierung“ von Produkten/Leistungen mit all ihren Formen von Kooperationen auch vor Ort; zum anderen werden die entsprechenden Mikro-Standorte i.E. zunehmend weniger zentral im Sinne klassischer Urbanität situiert sein müssen, allerdings strukturell qualifiziert – wie z.B. Orte „dezentraler Konzentration“.

Dezentrale Konzentration und (stadt-)regionale Raumordnung

Die Beschäftigung mit dem Konzept der „dezentralen Konzentration“ in Großstadtregionen ist – zumindest mittelfristig – deutlicher, als das programmatisch wohl gemeint ist, auf den Raum des „suburbanen Gürtels“ zu fokussieren.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich derzeit in der Praxis (Großstadt-)regionaler Raumordnung zunächst folgendes beispielhaft:

Die laufenden Diskussionen über die Stadtentwicklung Münchens bzw. die Umlandentwicklung in der Region 14 lassen erkennen, daß explizit nicht auf dezentrale Konzentration orientiert wird: Die Stadt macht – in Ergänzung sehr substantieller und für Nachhaltigkeit engagierter Ausführungen für ihr eigenes Gebiet – so gut wie keine Aussagen zur „Region“ – und damit auch nicht zum suburbanen Raum. Die Region hat als räumliches Leitbild zwar eine sehr kompakte Entwicklung um die Stadt herum vorgeschlagen („Amöbe“ statt Finger/ Achsen), jedoch nicht mit Elementen dezentraler Konzentration. Insofern sieht es so aus, als würde ein strukturierender Handlungsbedarf gerade im suburbanen Raum so vehement nicht bestehen.

Die Landesplanung Brandenburg/ Berlin wendet bislang das Konzept der dezentralen Konzentration bewußt vor allem auf ihren äußeren Entwicklungsraum an. Zwar ist dem suburbanen Raum Berlins in Brandenburg eine eigenständige Landesraumordnung („für den engeren Verflechtungsraum“) gewidmet, so daß die entsprechenden Entwicklungsprobleme in ihrer Bedeutung offensichtlich gewürdigt werden.

Gemeinsame Landesplanung Brandenburg/Berlin (Hrsg.): Landesentwicklungsprogramm Berlin/Brandenburg. – Berlin 1995

Konzeptionelle Ansätze dezentraler Konzentration – und dazu könnten aufgrund der „Tiefe“ dieses Raumes alle drei hier aufgezeigten Entwicklungstypen zählen – sind in den entsprechenden Planungsunterlagen jedoch nur sehr unterschiedlich enthalten: Der Ring der „Zentren im engeren Verflechtungsraum“ fungiert nicht als ein (1.) „Städtekranz“ dezentraler Konzentration. „Ordnung“ des suburbanen Raumes (oder gar eine „Entlastung“ von Entwicklungen in der Kernstadt Berlin) scheint demnach im wesentlichen nicht auf diesem Wege angegangen zu werden.

Sollte angesichts dieser Situation eine positive Idee von Raumstruktur-Elementen und -Qualitäten im Sinne dezentraler Konzentration formuliert werden, so müßte diese sich zunächst auf diejenigen Potentiale flächennutzender Akteure der gewerblichen Wirtschaft beziehen, die als Ansatzpunkte zum „Aufsatteln“ jeweils identifiziert werden können. Sodann müßten sich Gestaltungsideen an der (kompakten) „Stadt vor der Stadt“ orientieren, gelegen zwischen dem suburbanen Gürtel „faktischer“ und einem 2. Ring „relativer“ dezentraler Konzentration; und andererseits am Standorttyp eigenständiger integrierter Entwicklung, d.h. profiliert im Sinne einer gewissen Spezialisierung im Rahmen (groß-)stadtregionaler Arbeitsteilung, die auf jeden Fall städtebaulich zu flankieren wäre. Dabei stünden generell alle drei hier thematisierten Typen einer (kompakten) „Stadt vor der Stadt“ zur Debatte, auch wenn sie als pragmatische Ansatzpunkte auch nur im Einzelfall zur Verfügung stehen.

Für eine (groß-)stadtregionale Raumordnung, die sich auf die Beförderung derartiger Raumstrukturen verständigen würde, bedeutet das u.a. folgendes:

Im Vordergrund der konzeptionellen Arbeit stünden – statt „Zentraler Orte“ – „funktionale Schwerpunkträume“, die aufgrund ihrer wirtschafts- bzw. siedlungsstrukturellen Besonderheiten vor allem für geeignet angesehen werden, einzelne Entwicklungspotentiale des Gesamtstandortes gebündelt zur Wirkung zu bringen. Vorarbeiten dazu im methodischen Bereich wie auch mit politisch/planerischen Abstimmungen liegen bereits vor: so für (großstadt-)regionale Vorhaben etwa mit der Ausweisung von „teilräumlichen Schwerpunktbildungen“ bzw. „dezentralen Standortpotentialen“ im Zuge der „Szenarien für ein gesamträumliches Leitbild der HannoverRegion“.

FORUM (Forschungsinstitut Region und Umwelt an der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg GmbH) (Hrsg.): Szenarien für ein gesamträumliches Leitbild der Hannover Region. – Oldenburg 1995

Für Vorhaben einer Kernstadt liegen Anregungen vor z.B. mit der Ausweisung von „teilräumlichen Schwerpunkten“ besonderer Begabung, von „Stadtraumprofilen“ und von „Standortpotentialen“ im Zuge der Fortschreibung des Berliner „Gewerbeflächensicherungsprogramms“ zum „stadträumlichen Konzept der gewerblichen Wirtschaft“;

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Technologie Berlin (Hrsg.): Gewerbeflächenentwicklung Berlin. Stadtraumliches Konzept. – Berlin 1997

und ähnlich mit dem „Entwicklungsräumen“ im Hamburger Stadtentwicklungskonzept mit ihren speziellen Funktionen und Profilen.

Stadtentwicklungsbehörde Hamburg (Hrsg.): Stadtentwicklungskonzept. Leitbild und Orientierungsrahmen. Entwurf (Juli 1995). – Hamburg 1995

Die Ausweisung entsprechender Schwerpunkträume für komplexere sozioökonomische Nutzungsstrukturen hätte eindeutig Vorrang vor dem gewohnten flächendeckenden Aussageraster der Regionalplanung. Auch würde hierfür ein projektorientiertes Vorgehen wichtiger, in analoger Form etwa zu Vorhaben- und Erschließungs-Plänen bzw. zu städtebaulichen Verträgen.

Allein schon zur Erhöhung der Treffsicherheit derartiger Siedlungsstrukturentwicklungen dezentraler Konzentration müßten das räumliche Konzept wie auch die einzelnen Vorhaben äußerst verbindlich sein.

Damit wird von der konzeptionellen Seite her deutlich, in welche Richtung regionale Raumordnung, wie sie derzeit verfaßt ist und praktiziert wird, qualifiziert werden müßte: Eine – zumal verbindliche – Absprache über – betont selektive – Standortentwicklungen innerhalb einer Stadtregion bedarf einer erfolgreichen Kooperation insbesondere der kommunalen Instanzen.

Vgl. auch Müller, W.; Rohr-Zänker, R.: Die Städte und ihr Umland. In: Raumplanung 78 (1997)

Insofern müssen erst recht für „dezentrale Konzentration“ alle Ansätze genutzt werden, die es derzeit gibt, um für die regionale Raumordnung sowohl die methodischen Fragen anderer Typen von Entwicklungsräumen zu lösen; ebenso, um die finanzverfassungsrechtlichen Fragen eines „Vorteils- und Lastenausgleiches“ und erst recht die adäquater Kooperationsformen zwischen „Städteverband“ und „Regionalkreis“ zu beantworten.

Vgl. Kommunalverband, Großraum Hannover Akademie, für Raumforschung und Landesplanung,: (Hrsg.): Vorschläge zur Entwicklung neuer Organisationsstrukturen für die Wahrnehmung regionaler Verwaltungsaufgaben. – Hannover 1997

Umsetzungs-Chancen des Raumordnungs-Leitbildes der „dezentralen Konzentration“

Für die Realisierungsbedingungen dezentraler Konzentration spielen auch die Voraussetzungen eine Rolle, die bei den Instanzen der Raumplanung und bei ihren Akteuren bestehen. Die dort wahrnehmbaren Einschätzungen über dezentrale Konzentration sind zunächst ernüchternd polarisiert: „an sich“ hat dieses Leitbild durchgängig (in den Kernstädten und im Umland) Sympathien: jeder kann sich schließlich von einer Ordnung der suburbanen Zone auch etwas versprechen – entstünde doch eine Art „Pufferzone“, die sowohl der Kernstadt als auch einem 1. bzw. 2. Ring von (Stand-)Or- ten die unmittelbar angrenzende lästige Konkurrenz vom Halse schafft. Bei konkreten Realisierungs-Bemühungen jedoch verfliegen nicht nur diese Blütenträume; es wird auch ziemlich deutlich, daß es praktisch eigentlich nur Rahmenbedingungen gibt, die für eine qualitative dezentrale Konzentration eher hinderlich erscheinen; die wesentlichen sind:

von „Entlastung“ der Kernstädte ist in dem Maße in keinem einzigen Feld (ob Flächennutzungsdruck, Bodenpreise, Verkehrsauswirkungen, Pendlerdistanzen, Freiräume usw.) mehr zu reden, wie die Kernstädte mit rückläufigen Arbeitsangeboten bzw. Einzelhandelsumsätzen konfrontiert sind, d.h. mit Arbeitslosigkeit und Finanznot: damit fehlt ein wesentlicher Impetus für dieses Leitbild.

Stadtplanerisch ist der Grundsatz „Innen- vor Außenentwicklung“ zum eindeutigen und praktizierten Handlungsansatz geworden. Impuls dazu ist ebenso die o.a. Attraktivitätsschwäche der Kernstädte als ein eher reaktives Moment, wie auch ein aktiver und zunehmend ernsthafterer Umgang mit Grundsätzen des ökologischen Städtebaus bzw. der nachhaltigen Stadtentwicklung: Die Kemstädte können – vgl. insbesondere München – überzeugend vermitteln, welche sinnvollen Flächennutzungsreserven sie im Zuge „qualifizierter Dichte“ noch im Stadtgebiet mobilisieren können (und wie wenig sie in Überlegungen zur Entwicklung ihrer Region glauben, investieren zu müssen).

Das allgemeine praktische Desinteresse an dezentraler Konzentration verbindet sich natürlich auch noch mit den Einschätzungen des wirtschaftsstrukturellen Potentials von Dezentralisierung (und Konzentration) (s.o.).

Bei derart trüben Aussichten verwundert es nicht, wenn die Realität der Suburbanisierung, der „Speckgürtel“ nämlich, eher aus dem Blick der – vielfach ja von (Kem-)Stadt und Umland durchaus gemeinsam getragenen – Regionalplanung in Großstadtregionen gerät; auch die aktuelle Stimmungslage in manchen Stadtregionen deutet darauf hin.

Planungspolitische Optionen „über den Tag hinaus“ könnten angesichts dessen in folgendem bestehen:

eher lokale Initiativen einer Profilierung von Teil-Standorten im suburbanen Raum, wie sie teils von Kommunen, teils von privaten Trägem gestartet werden, zu unterstützen;

Orte „relativer dezentraler Konzentration“ auch raumordnerisch weiterzuentwickeln.

Das eröffnet noch erhebliches Potential für eine Umsetzung dezentraler Konzentration.

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