1. bookVolume 63 (2005): Issue 1 (January 2005)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Rezensionen

Published Online: 31 Jan 2005
Volume & Issue: Volume 63 (2005) - Issue 1 (January 2005)
Page range: 68 - 73
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eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
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6 times per year
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German, English

Jenseits der europäischen Civitas?

Eigene Wahrheiten aufzuspüren ist zwar das gute Recht von Schriftstellern, führt aber nicht unbedingt zur Erleuchtung. „Warum nicht ein Gedicht über einen Haufen Scheiße schreiben, wie Gott ihn fallen ließ und Kalkutta nannte. Wie es wimmelt, stinkt und lebt und immer mehr wird.“ Günther Grass, von dem diese Worte stammen, ist nicht der einzige, den diese Metropole an seine ästhetischen, moralischen und psychischen Grenzen geführt hat. Doch die ehemalige Hauptstadt Britisch-Indiens ist beileibe nicht das einzige Großstadtphänomen, über das man ins Grübeln kommen sollte. Tatsächlich können Stadtbilder und -geschichten besondere Antworten auf allgemeinere Fragen nach Identität geben, d.h. danach, was Menschen (geworden) sind und gemacht haben.

Dass Metropolen gleichsam durchs Brennglas auf gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam machen, dass sie nicht nur ein auf Hochglanz getrimmtes Sinnversprechen der Globalisierung, sondern zugleich Ort für Widerständiges, für emanzipative Praktiken jenseits aller Planbarkeit sind: Zu solchen Einsichten zwingt „metroZones“, ein in Berlin angesiedeltes, netzwerkartig strukturiertes Projekt von zwei Kuratorenteams um die Impulsgeber Jochen Becker und Stephan Lanz, sowie verschiedenen Autoren und Künstlern. Was unter diesem Titel firmiert, findet - neben Ausstellungen, Filmevents und anderen Aktionen - nun seinen Ausdruck in der so instruktiven wie ansprechend gestalteten Buchreihe des kleinen Kreuzberger b-books-Verlag, die mittlerweile auf fünf Bände angewachsen ist. Sie lenkt das Augenmerk auf andere als die offensichtlichen Regeln, nach denen sich das uns bekannte und tagtäglich gelebte Koordinatensystem der Urbanität bestimmt. Und sie versteht sich, nach eigenem Bekunden, als Widerpart zur existierenden „Europäischen Stadt“, die als überregulierter, kommerzialisierter und ästhetisch reduzierter Raum informelle soziale, kulturelle und ökonomische Aneignungsweisen beschneide.

Gleichwohl, alle Stadt-Konnotate, namentlich wenn es um die „europäische Stadt“ geht, sind stets auch kulturelle: Sie war die Wiege der Demokratie im antiken Griechenland, sie war der mittelalterliche Ort der Sehnsucht, an dem die Luft frei machte, sie war das Pandämonium in „Metropolis“, und in „Berlin Alexanderplatz“ wurde sie zum topographischen Sinnbild der moralischen Auflösung der Menschen. In Blade Runner schließlich spiegelt die verseuchte Stadt die Trostlosigkeit der Zukunft in den achtziger Jahren: Vom Traum zum Trauma? Doch um solche Zuschreibungen und Mythen geht es metroZones nicht. Genauso wenig um visuelle Metaphern, wie etwa jene, die die Stadt, menschengemacht, als einen Organismus versteht: Durch ihre Adern fließt der Verkehr, durch ihre Nervenbahnen der Strom, ihre Parks bilden die grünen Lungen. Die Stadt verändert das Verhalten der Menschen und ihre Wahrnehmung. Straßen und Häuser drängen die Natur zurück, organisieren das Leben neu, beschleunigen und entfremden. Solch melancholischer Diskurs aus Elementen des Spielerisch-Versponnenen ist der metroZoner Sache nicht. Weil das Erscheinungsbild einer Stadt, ob in der sogenannten Dritten Welt oder hierzulande, viel mehr mit Sentimentalität zu tun habe als mit ihrer tatsächlichen ökonomischen Funktion, suchen sie nach einem neuen Zugang.

Zum Ausflug in andere Sphären möchte beispielsweise Learning from* einladen. Was mit dem Untertitel „Städte von Welt, Phantasmen der Zivilgesellschaft, informelle Organisation“ wenig sinnlich daherkommt, zeigt sich bei näherer Einlassung als recht suggestiv. Dabei sind es so unterschiedliche wie anschauliche Beispiele, die die Thesen von der archaischen, aber auch integrativen Kraft des Informellen untermauern: Der Arizona-Markt, im Nordosten Bosnien-Herzegowinas gelegen und eng mit den Planungen der SFOR- Truppen verknüpft, als größter informeller Warenumschlagplatz Osteuropas. Das ausgeklügelte System der Dabbawallas (Essensausträger) von Bombay. Oder die „Performance ohne Führerschein“, dem Gegenbild zum alltäglichen Verkehrschaos in Istanbul. Wenngleich sich in all diese Wahrnehmungen stets kulturelle Wertungen einschleichen, gelingt es durchaus, normative Parabeln des „guten Lebens“ zu meiden.

Die eigene Definitionsmacht von Nutzern und Bewohnern, ihre aktive Teilhabe an der-physischen Umwelt ist dennoch ein zentraler Aspekt. Hier entsteht ist der Name eines Berliner Bauexperiments, das sich mit Aneignungs- und Mitbestimmungsprojekten aus europäischer Perspektive beschäftigt (und zudem im Sommer 2003 vor der Volksbühne eine informelle Hausstruktur mit der Anmutung einer Squatter-Siedlung errichtete). Es versteht sich „als Plattform für Selbstbau und Eigeninitiative“ sowie als „öffentlicher Ort der politischen Diskussion“. In einer Reihe von Interviews mit namhaften Protagonisten, z. B. mit Yona Friedman, Nicolaas John Habraken, Lucien Kroll oder Eilfried Huth, wird der Widerspruch ausgelotet, der zwischen dem Anspruch, die Wohnungsfrage durch Standardisierung zu lösen, und dem kulturellen Versprechen einer uneingeschränkten Entfaltung des Individuums liegt. Der Bogen spannt sich dabei von konkreten partizipativen Architekturprojekten - etwa Hertzbergers Diagoon-Häuser in Delft, die Arbeitersiedlung Mateotti von Giancarlo De Carlo, die sog. „Selbstbauterrassen“ und das „Wohnregal“ in Berlin - über die „Zwischennutzung“ in der aktuellen Stadtumbau- Debatte - spontane und ungeplante Räume temporärer Art - bis hin zu eher sozialpolitischen Aspekten, etwa dass in der Peripherie Roms über 800000 Migranten in ursprünglich illegal errichteten Wohnungen leben. Nutzerbeteiligung, ja Selbstermächtigung seien zu forcieren, weil, so das Autorenduo Fezer/ Heyden, die „in der Bau- und Stadtplanungsgesetzgebung institutionalisierten und formalisierten Beteiligungserrungenschaften im Kontext privatwirtschaftlich bestimmter Stadtentwicklung ihre Wirkung weitgehend eingebüßt haben. Sie erscheinen zu starr, um Alternativen durchsetzen zu können, und zugleich zu dehnbar, um wirksamen Einspruch zu erheben.“

Dass städtischer Alltag jenseits unseres Kulturkreises sich nicht nach den Normen eines „europäischen Stadtmodells“ oder einer westlichen „Civitas“ definiert: Dies steht im Mittelpunkt der beiden jüngsten Publikationen. Sie werfen dabei auch einen Blick auf westeuropäische Städte zurück, in denen informelle Nutzungen städtischer Räume, der Alltag irregulärer Zuwanderer, städtische Bewegungen und Ersatzökonomien auf ähnliche Weise aus den herrschenden Bildern einer urbanen Bürgergesellschaft ausgegrenzt sind. Self Service City weist beredt darauf hin, dass Istanbul seit 1950 von einer auf 13 Millionen Einwohner gewachsen ist, ohne dass Stadtplanung dabei eine nennenswerte Rolle gespielt hätte. Produktion und Aneignung der Stadt vollzogen sich in Gecekondus, den informellen Neustädten der Metropole zwischen kollektiver Landnahme und individueller Privatisierung. Die Geschichte der Gecekondus ist ein einmaliges Phänomen eines selbst organisierten Antiwohnungsnot- Programmes, das soziale Netze und Aufstiegsmöglichkeiten für städtische Zuwanderer schuf - und gleichzeitig mit mafioser Bodenspekulation, maßloser Zersiedelung und Umweltzerstörung einherging. Bürgerliche Kreise, Urbanisten und die offizielle Politik betrachteten diese Orte der zunächst ländlichen Zuwanderer stets als quasi barbarische Invasion und sehnen sich bis heute nach einer davon gesäuberten »modernen« Stadt. Das Buch versammelt Analysen, Essays und Reportagen über Politik, Kultur und Ökonomie der informellen Neuerfindung Istanbuls als Weltmetropole am Rande der Festung Europa.

City of COOP schlägt in eine ähnliche Kerbe, allerdings mit anderem geographischen Bezug: Obwohl jahrzehntelang stigmatisiert und wiederholt durch staatliche Eingriffe zerstört, produzierten die irregulären Favelas bedeutende Teile der urbanen Kultur und Ökonomie Rio de Janeiros. Ausgegrenzt aus der offiziellen Stadt, waren ihre Bewohner dazu gezwungen, sich selbst zu organisieren. Buenos Aires hingegen galt mit seiner breiten Mittelschicht und einem sozialstaatlichen Netz als die europäischste Metropole Lateinamerikas - bis zum Dezember 2001, als in Folge eines neoliberalen Politikmodells der Staat und die Ökonomie Argentiniens zusammenbrachen. Nun zwingt die Krise auch dort viele Stadtbewohner, alternative und informelle Strukturen des Produzierens oder des politischen Widerstandes neu zu erfinden. Neben Analysen zur Stadtentwicklung präsentiert der Sammelband widerständige Projekte zwischen Kulturproduktion, selbstorganisierten „Ersatzökonomien“ und politischem Aktivismus in beiden Städten.

Auch das Begriffspaar Space//Trouble, mit dem die Publikationsreihe ihren Anfang nahm, will grundlegende Diskrepanzen in der Rezeption von „Metropole“ augenscheinlich machen. Anhand von Fallstudien zu Themenkomplexen wie „Landnahmen städtischer Räume“, „Ersatzökonomien“ oder „Jenseits des guten Regierens“ geht es bei diesem Projekt um Alltagsbewältigung - insbesondere derer, die nicht zu den Globalisierungsgewinnern zählen. Aneignungsformen stehen auch hier im Vordergrund; und die Raumtypen, die in jeder modernen Stadt existieren und dort meist als Nischen für informelle, mitunter illegale Nutzung funktionieren. Wenn nun auf städtischer Ebene weltweit nach staatlichen Interventionsformen gesucht wird, um Märkte und Standortwettbewerb zu regulieren: Was heißt das für die normale „Lebenswelt“, für emanzipatorische Umgangs- und beteiligende Verfahrensformen? Welche Perspektiven jenseits des europäisch-neoliberalen Stadt(bürger)verständnisses können damit eröffnet werden? Welche Rolle spielen Architektur und Stadtplanung in den neuen, global verkoppelten und häufig gewaltsam ausgetragenen Konflikten?

Gerade weil eher Fragen gestellt denn Antworten gegeben, weil nicht neue Mythen erzeugt werden, stellt metroZones ein gelungenes Projekt dar. Hier wird keine verquast-altlinke Ideologie aufgekocht, sondern frisch und unverkrampft all das ins Visier genommen, was nach den Maßstäben europäischer Stadt-Definition als hässlich, uninteressant und überkommen gilt. Und das hat, wie mit Salman Rushdie ein weiterer Schriftsteller notierte, durchaus seinen Eigenwert: „Oh, ihr vielen Stadtverschönerer, habt ihr denn nicht erkannt, dass das Schöne in Bombay gerade die Tatsache war, dass es niemanden und allen gehörte. Habt ihr die alltäglichen Leben-und-leben-lassen-Wunder nicht gesehen, die sich auf seinen überfüllten Straßen drängten?“

Bislang erschienen sind:

Space//Troubles. Jenseits des Guten Regierens: Schattenglobalisierung, Gewaltkonflikte und städtisches Leben, hrsg. von Jochen Becker u. Stephan Lanz (metroZones 1)

Learning from*. Städte von Welt, Phantasmen der Zivilgesellschaft, informelle Organisation, hrsg. von Jochen Becker, Claudia Burbaum, Martin Kaltwasser, Folke Koebberling, Stephan Lanz u. Katja Reichard (metroZones 2)

Hier entsteht. Strategien partizipativer Architekturen und räumlicher Aneignung, hrsg. von Jesko Fezer u. Mathias Heyden (metroZones 3)

Seif Service City: Istanbul, hrsg. von Orhan Esen u. Stephan Lanz (metroZones 4)

City of COOP. Ersatzökonomien und städtische Bewegungen in Rio de Janeiro und Buenos Aires, hrsg. von Stephan Lanz (metroZones 5)

Jeweils Verlag b_books, Berlin 2003 (Band 1 u. 2) u. 2004 (Band 3, 4 u. 5)

Infos unter http://bbooks.de/verlag/metrozones Robert Kaltenbrunner (Bonn)

Dienel, Hans-Liudger; Meier-Dallach, Hans-Peter; Schröder, Carolin (Hrsg.): Die neue Nähe. Raumpartnerschaften verbinden Kontrasträume. - Wiesbaden: Franz Steiner Verlag 2004.͇Blickwechsel. Schriftenreihe des Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin - Band 1.329 S.

Der erste Band einer neuen Reihe des Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin mit dem programmatischen Titel „Blickwechsel“ berichtet über ein dreijähriges Forschungsprojekt, an dem 14 Wissenschaftler aus sieben Disziplinen sowie 15 Praxisakteure in drei Untersuchungsregionen beteiligt waren. Den Band kennzeichnen ebenso wie die im Projekt entwickelten Theorie-Praxis-Verbünde stark normative Positionen. Ziel ist eine nachhaltige Entwicklung in Tourismus und Freizeit durch „dauerhafte und gleichwertige Beziehungen zwischen zwei kontrastierenden Räumen, wobei sowohl ökologische, soziale, kulturelle und ökonomische Verbesserungen für die beteiligten Regionen angestrebt werden…(Im Vordergrund steht dabei) die Förderung eines nahraumorientierten Tourismus unter Wahrung der lokalen Identität und sozialen Integration im Zielgebiet, wobei auf die Kommunikation zwischen ortsansässiger Bevölkerung und Gästen sowie zwischen Akteuren aus dem Quell- und Zielgebiet Wert gelegt wird“ (S.211f).

Der programmatische Charakter des Projektes ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Berliner Arbeitsgruppen mit Eberswalde / Schorfheide und insbesondere mit der „Berliner Badewanne“ Usedom, deren „Kaiserbäder“ einst von Berliner Unternehmern entwickelt wurden, emotional aufgeladene Untersuchungsbeispiele gewählt haben, für die sich u. a. der maßgeblich an der Konzeptentwicklung beteiligte Verkehrsökonom G. W. Heinze immer wieder engagiert. Dies hat auch zur starken Berücksichtigung verkehrlicher Nachhaltigkeitsfragen beigetragen (u.a. durch „neue Wege“ im Freizeitverkehr). Das Schwergewicht des Projektes liegt im qualitativen, über weite Teile programmatischen Bereich, während „harte“ empirische Befunde von untergeordneter Bedeutung sind.

Die Untersuchung der Partnerschaftsbeziehungen zwischen Zürich und dem Unterengadin geht stärker empirisch vor. Dabei gibt es sowohl für die Herkunfts- als auch für die Zielräume aufschlussreiche Differenzierungen in Verhalten und Problemwahrnehmungen.

Eine wesentliche Schwierigkeit des Projektes liegt darin, dass die praktische Umsetzung der im Hinblick auf nachhaltigen Fremden- und Freizeitverkehr wünschenswerten Raumpartnerschaften auf vielfältige Schwierigkeiten stößt, die sowohl im individuellen, als insbesondere auch im institutioneilen Bereich liegen. Dies zeigt sich z.B. bei dem Schlüsselprojekt eines Fernradwegs Berlin-Usedom. Ein eigenes Kapitel diskutiert die Erfahrungen mit Theorie-Praxis-Verbünden. Sehr anschaulich sind die historischen Abrisse der touristischen Erschließung der drei Zielregionen.

Insgesamt gesehen bildet der Band einen Werkstattbericht, der Impulse geben kann. Vielfach bleibt er allgemein und ist nicht frei von Wiederholungen (21 Autoren!). Für einen Geographen bedauerlich ist die oft schlechte Lesbarkeit der Karten.

Raumpartnerschaften können wertvolle Impulsgeber für ein touristisches Qualitätsmodell bilden, allerdings kein „Allheilmittel“. In Zeiten zunehmender Enträumlichung, ja Globalisierung, stellen sie einen wichtigen „Blickwechsel“ dar.

Rolf Monheim (Bayreuth)

Michael Droß: Konzepte und Instrumente zur Steuerung der Wohnsiedlungsentwicklung. Regio spezial, Bd. 3, Dortmund 2004

Die Steuerung der Wohnsiedlungsentwicklung in Verdichtungsräumen ist die klassische Aufgabe der Regionalplanung schlechthin - immerhin waren es die mit dem Wachstum der großen Städte über Gemeindegrenzen hinweg verbundenen Probleme, die spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine übergemeindliche, regionale Planungsebene zum Erhalt von Frei- und insbesondere Erholungsflächen und zur Zusammenführung von Siedlungsentwicklung und Verkehrsplanung erforderlich machten. Dass diese Fragen bis heute aktuell und die daraus resultierenden Probleme komplex, drängend und spannend sind, hat Michael Droß in der vorliegenden Arbeit, die sich in ihrem empirischen Teil auf Fallstudien in den Regionen Düsseldorf und Stuttgart stützt, eindrucksvoll belegt. Darüber hinaus weitet er das Spektrum der Überlegungen deutlich über den klassischen Blickwinkel der Regionalplanung hinaus aus, indem er Fragen der Bodenmarktregulierung und der Wohnungsbauförderung besondere Aufmerksamkeit schenkt.

Droß ist es in hervorragenderWeise gelungen, die Komplexität der Motive und der unterschiedlichen Handlungslogiken der Akteure in der Siedlungsentwicklung aufzuzeigen. Insbesondere die Fallstudien und die Auszüge aus den qualitativen Interviews gestatten einen lebendigen und erhellenden Eindruck in deren Denk- und Handlungsweisen. Ausdrücklich zuzustimmen ist der Prämisse, dass es bei den Bemühungen zur Steuerung der Siedlungsentwicklung nicht um eine Verhinderung, sondern nur um eine qualitätsvolle Gestaltung der Suburbanisierung gehen kann. Unbestritten ist auch die Erkenntnis, dass die Siedlungsentwicklung in vielen Stadtregionen suboptimal verlaufen ist, eine flächensparende Siedlungsweise nur in sehr begrenztem Umfang realisiert wurde und die tatsächliche Entwicklung zu einem wesentlichen Teil von den individuellen Wohnwünschen und der Bodenpreisstruktur in den Stadtregionen bestimmt wurde.

Die Kernfrage bei der Steuerung der Wohnsiedlungsentwicklung ist, ob und in welchem Umfang es in einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft möglich ist, Aspekten des Gemeinwohls und hier insbesondere regionalen Optimierungsstrategien zum Durchbruch zu verhelfen. Für Droß steht hierbei deutlich der ressourcenschonende Umgang bei der Wohnbaulandausweisung, d. h. der quantitative Aspekt, an erster Stelle, während das „wo“, insbesondere die Frage der räumlichen Abgrenzung zwischen Siedlungs- und Freiraum, etwas im Hintergrund bleibt. Möglicherweise liegt hier eine Ursache für die durchaus ambivalente Bewertung regionalplanerischer Anstrengungen. So stellt Droß auf der einen Seite deutlich die Faktoren dar, die auf kommunaler Ebene zu überdimensionierten Flächenausweisungen führen und stellt nüchtern fest, dass Städte und Gemeinden nicht unbedingt im Sinne des Gemeinwohls handeln, sondern ihre siedlungspolitischen Strategien häufig lokalen Interessen und kurzfristigen Trends geschuldet sind (S. 164). Der Regionalplanung attestiert er, dass es ihre raumordnerische Abstimmung bewirkt habe, dass Ressourcenschutzziele in der Siedlungsentwicklung überhaupt eine Rolle spielen (S. 133). Auf der anderen Seite betont Droß mehrfach die Misserfolge der Regionalplanung und stellt resümierend fest, dass den raumplanerischen Versuchen, die Suburbanisierung zu steuern, kein großer Erfolg beschieden gewesen sei (S. 47).

Trotz dieser Einschätzung und der Betonung der kommunalen Planungshoheit mit der primären Zuständigkeit der Kommunen für die Baulandausweisung sieht Droß durchaus die Notwendigkeit einer regionalen Steuerungsebene. Er stellt fest, dass eine Institution notwendig ist, die Ressourcenschutzziele aus regionaler Perspektive formuliert und in den Planungsprozess einbringt (S. 133). In einer veränderten Ausgestaltung des Planungsprozesses sieht Droß denn auch den Schlüssel für eine erfolgreichere Steuerung der Wohnsiedlungsentwicklung. Zum einen kann er sich eine engere Verzahnung der Regionalplanung mit den Aktivitäten der Wohnungsbauförderung vorstellen, wobei er auf erfolgreiche Praktiken in Nordrhein-Westfalen hinweist. Auf der anderen Seite legt er in seinen Empfehlungen ein besonderes Gewicht auf die stärkere Hinwendung zu „handlungsleitenden Regeln“, auch hier mit Hinweis auf entsprechende Ansätze in der nordrhein-westfälischen Landes- und Regionalplanung.

Den Empfehlungen, stärker den Planungsprozess im Sinne eines partnerschaftlichen Aushandlungsprozesses umzugestalten und gemeinsam mit Kommunen und Wohnungsbauförderung regional bedeutsame Standorte für den Eigenheimbau zu definieren und zu entwickeln, ist uneingeschränkt zuzustimmen. Auch die stärkere Regionalisierung der Wohnungsbauförderung nach dem Vorbild der Raumes Bonn / Rhein-Sieg wäre zu begrüßen. Allerdings entsteht der Eindruck, dass Droß diese Instrumente nicht ergänzend, sondern als Ersatz für klassische regionalplanerische Instrumente, insbesondere die räumlich-konkrete Festlegung von Siedlungsbereichen, sieht. Hier ist der Rezensent der Auffassung, dass diese Instrumente von Droß unter wert gehandelt werden und meint, dass auch künftig bestimmte „Essentials“ als verbindliche regionalplanerische Ziele - im Sinne eines stabilen langfristigen normativen Rahmens - festgelegt werden müssen, wobei er der Festlegung der Grenze zwischen Siedlungs- und Freiraum zumindest in den inneren Bereichen der Verdichtungsräume hohe Bedeutung beimisst, um die Bautätigkeit in bestimmten Bereichen definitiv auszuschließen. Auch für die Eigenentwicklung kleiner Ortschaften sind aus seiner Sicht klare Ziele im Rechtssinne aufzustellen und umzusetzen. Gerade an diesem Beispiel lässt sich aber auch die Kombinationsmöglichkeit klassischer Festlegungen mit handlungsleitenden Regeln gut veranschaulichen. So erwähnt Droß die aktuellen Bemühungen in der Region Hannover, gerade beim schwierigen Thema der Eigenentwicklung einen stabilen Rahmen zu setzen, innerhalb dessen bestimmte kommunale Optionen realisiert werden können (S. 176 f.).

Auf jeden Fall ist und bleibt die Durchsetzung „regionaler Vernunft“ auch gegenüber aus regionaler Sicht „unvernünftigen“ Akteuren eine schwierige, aber unentbehrliche öffentliche Aufgabe. Implementationsdefizite sind häufig weniger ein fachliches als ein politisches Problem. Außerdem zeigt die planerische Praxis, dass Vernunft und gute Argumente wenig ausrichten können gegen die Überzeugungskraft von Gewinnmargen auf dem Immobilienmarkt. Auch in diesem Sinne ist dem Autor zu danken für eine die Komplexität der regionalen Wohnsiedlungsentwicklung unterstreichende, facetten- und ideenreiche Arbeit, die zur Fundierung und Intensivierung der notwendigen Diskussion über künftige Formen der Steuerung der Siedlungsentwicklung in den Stadtregionen beiträgt.

Axel Priebs (Hannover/Kiel)

Siebel, Walter (Hrsg.): Die europäische Stadt. - edition suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, 480 S., br.

Als Georg Simmel 1903 schrieb, die Stadt sei keine räumliche Tatsache mit soziologischen Wirkungen, sondern eine soziale Tatsache, die sich räumlich formt, lebte gerade mal ein knappes Zehntel der Menschheit in Großstädten. Heute ist es längst mehr als die Hälfte. Und mit der drastisch zunehmenden Verstädterung sind - namentlich in der Dritten Welt - auch die räumlichen Formen des Zusammenlebens immer bizarrer und menschenfeindlicher geworden. Weil der globale Trend zur Megalopolis, insbesondere die ihr zugeschriebenen Kennzeichen - um nur einige der geläufigen Stichworte zu nennen: Segregation, Angst und Gewalt, Slums, Verkehrschaos und Flächenfraß - als Bedrohung empfunden wird, stellt man ihm seit einiger Zeit die Tradition der europäischen Stadt, gleichsam als positive Alternative, entgegen. Das aber birgt die Gefahr einer gewissen Idealisierung.

Ein Aufsatzband befasst sich nun, auf so umfängliche wie kritische Weise, mit eben diesem Leitbild-Charakter. Walter Siebel, sein Herausgeber, hat an anderer Stelle das Thema einmal mit einer literarischen Metapher illustriert: Die Stadt stelle Bühne wie Kulisse für ein Theaterstück dar, das vom ökonomischen System verfasst, vom politischen System inszeniert und von Schauspielern dargeboten wird, die urbane Verhaltensweisen gelernt haben müssen. Wenn nun der Stückeschreiber, der Regisseur und die Schauspieler schlecht seien, dann mache auch das beste Bühnenbild daraus kein gutes Theater. Und folgerichtig nimmt das Buch gleich das ganze Theater ins Visier.

Beim Stichwort „europäische Stadt“ haben wir in aller Regel historisch gewachsene, klar voneinander abgegrenzte Zentren vor Augen, für die der öffentliche Raum - Straße, Platz und Park - konstitutiv ist. Mit der faktischen Wirklichkeit hat das mittlerweile jedoch recht wenig zu tun. Die Wirkmächtigkeit des Bildes von der traditionellen Stadt, mit historischem Zentrum, Gründerzeitviertel, Stadtmauer usw., scheint vielfach blind zu machen für die Gestalt der heutigen Raumund Siedlungsstrukturen, ihre Stärken und ihre Schwächen. Die Autoren indes sehen sich weniger in der Pflicht, über deren Form und physische Struktur zu räsonnieren, als vielmehr die Notwendigkeit einer politischen Diskussion über Wesen und Zukunft der Stadt in unserem Kulturkreis. Der Modellfall eines sozial ausgeglichenen, kulturell integrierten und prosperierenden Gemeinwesens wird hier gleichsam ins Kreuzverhör genommen - nicht in der Absicht jedoch, ihn angesichts globalisierungsbedingter Tendenzen zu demontieren, sondern um seine Tauglichkeit für die Zukunft zu bestimmen. Gerade weil der „F.I.R.E.-Sektor (Finance, Insurance, Real Estate) mit seinen Raum- und Statusbedürfnissen“ (Peter Marcuse) die Stadtzentren zu dominieren droht, braucht die Stadtpolitik eine neue strategische Ausrichtung, die sich durchaus auf endogene Potentiale stützen mag.

Für den Soziologen Siebel ist die europäische Stadt die Keimzelle der westlichen Moderne; und fünf Merkmale seien für sie grundlegend: (1) „Präsenz von Geschichte“, d.h. das Vorhandensein einer vormodernen Geschichte im Alltag des Städters, (2) „Stadt als Hoffnung“, d.h. die verkörperte Aussicht, sich aus beengten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen befreien zu können, (3) „die Stadt als besonderer Ort“, d.h. eine spezifische, eben urbane Lebensweise, geprägt durch die Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit, (4) der physischen Gestalt in ihrer Überlieferung und Kontinuität kommt ein symbolischer und identifikatorischer Wert zu, (5) die sozialstaatliche Regulierung, die ihre Lebensbedingungen formen. Aber auch zwei Einschränkungen werden vom Herausgeber benannt: Nur in ihrer Gesamtheit seien diese Merkmale prägend, und - entscheidender - sie unterlägen jeweils einem erheblichen Wandel. Insbesondere sei eine urbane Lebensweise heute ubiquitär und längst nicht mehr an die Stadt als ihrem notwendigen Ort gebunden.

Bei all ihren Vorzügen, so machen die 33 Essays insgesamt deutlich, biete die europäische Stadt eigentlich kein Fundament für eine Idealisierung. Beispielsweise hatte sie stets einen ambivalenten Doppelcharakter insofern, als sie eine ex post interpretierte Form der Zivilgesellschaft darstellt, die immer noch auf ihre Herkunft als „gebildete Bürgergeselischaft“ zu verweisen scheint und eine gewisse Exklusivität für sich beansprucht. Gehörten doch zur genuin städtischen Tradition bewusst die Ungleichheit sozialer Status- und Rechtspositionen, die Ausgrenzung von beruflichen, ethnischen oder religiösen Gruppen, die Bevormundung der „unterbürgerlichen“ Gruppen oder die strikte ökonomische Verregelung vom Marktrecht bis zur Gewerbeordnung. Der vielbeschworenen Integrationsmaschine Stadt steht also ihr gleichzeitiges Exklusionskonzept gegenüber. Nur von kultureller Seite her ließe sich ihre eigentlich „europäische“ Qualität bestimmen. Doch auch damit ist es nicht mehr weit her - greife doch der Prozess der „Einhausung“ und damit der Privatisierung über den engen Bezirk der Wohnung und des Betriebes hinaus und erfasse immer weitere noch im öffentlichen Raum verbliebene Funktionen. Und damit erodiert nicht nur die (bisherige) Differenz von Öffentlichkeit und Privatheit, sondern das Idealbild selbst wird massiv in Frage gestellt. Wenn jedoch mit der „europäischen Stadt“ nicht bloß eine normative Orientierung gesucht, wenn die zentralen Konstituenten dahinter erkannt und stabilisiert würden, dann kann hierin auch ein neuer „Möglichkeitssinn“ liegen.

Der Terminus der „Europäischen Stadt“ ist ein Paradebeispiel dafür, dass Stadt und Region nicht mehr nur als Ausdruck physisch-materieller Strukturen und Lebenswelten gesehen wird, sondern auch als Medium, in dem soziale Strukturen produziert und reproduziert werden. Dabei spielen unterschiedliche Deutungsmuster und Interpretationen eine zentrale Rolle. Und weil es bislang nicht gelungen ist, das genuin „Europäische“ in unseren Städten schlüssig zu begründen, mindestens aber unter heutigen Bedingungen zu identifizieren und zum Gegenstand von Interventionen zu machen; weil die urbane, europäische Stadt als geschlossenes Leitbild nach wie vor durch die Diskurslandschaft vagabundiert, ohne je hinreichend dekonstruiert worden zu sein; weil also vieles bisher defizitär blieb, ist diese Lektüre aller Mühe wert: Als gewichtiger Baustein für die Stadtforschung.

Jenseits der europäischen Civitas?Jenseits der europäischen Civitas?Search in Google Scholar

Dienel, Hans-Liudger; Meier-Dallach, Hans-Peter; Schröder, Carolin (Hrsg.): Die neue NäheDienelHans-LiudgerMeier-DallachHans-PeterSchröderCarolin(Hrsg.): Die neue NäheSearch in Google Scholar

Raumpartnerschaften verbinden Kontrasträume. – Wiesbaden: Franz Steiner Verlag 2004.=Blick-wechsel. Schriftenreihe des Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin – Band 1.329 SRaumpartnerschaften verbinden Kontrasträume. – Wiesbaden: Franz Steiner Verlag 2004.=Blick-wechsel. Schriftenreihe des Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin – Band 1.329 SSearch in Google Scholar

Michael Droß: Konzepte und Instrumente zur Steuerung der Wohnsiedlungsentwichklung. Regio spezial, Bd. 3, Dortmund 2004MichaelDroßKonzepte und Instrumente zur Steuerung der Wohnsiedlungsentwichklung. Regio spezial, Bd. 3Dortmund2004Search in Google Scholar

Siebel, Walter: Die europäische Stadt. 2004. Frankfurt am Main, edition suhrkamp.SiebelWalterDie europäische Stadt2004Frankfurt am Mainedition suhrkampSearch in Google Scholar

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