1. bookVolume 66 (2008): Issue 5 (September 2008)
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Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Current evolutions of centrality in the federal state Saarland - first results of an empirical study

Published Online: 31 Oct 2008
Volume & Issue: Volume 66 (2008) - Issue 5 (September 2008)
Page range: 450 - 459
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eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
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6 times per year
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German, English
Abstract

This article presents the results of an investigation of the central places in the federal state Saarland. With this, it is elaborated both on the centrality of offers on basis of the dispersion factor and on the centrality of demand due to a quantitative-empirical investigation. Compared to survey conducted in 1977 certain changes concerning centrality have been turned out in the Saarland. Those changes can also be found in the current regional development plan: The interlacing fields on tier of the secondary centres are indistinct, interlacing fields on tier of the basic centres let to prove, numerous basic centres and secondary centres follow their normative Junction only inadequately. Due to the clear modifications of the centrality of numerous places a continuous monitoring of the centrality is suggested as an instrument of the politics deliberation.

Keywords

Einleitung

Der Autor dankt insbesondere Gerd-Rainer Damm, Jens Falk, Beate-Maria Groß, Ulrich Groß, Dr. Tanja Helmes, Svenja Herrmann, Brigitte Jülch-Schumann, Prof. Dr. Annette Spellerberg und Florian Weber für Ihre konzeptionelle Unterstützung und Ihr Engagement bei der Durchführung der vorliegenden Untersuchung.

Das Instrument der Zentralen Orte lässt sich in der Raumordnung als planungsrechtlich wie auch planungspolitisch etabliert und prinzipiell akzeptiert beschreiben (Blotevogel 2002). Trotz der in den 1980er und 1990er Jahren am Zentrale-Orte-Konzept geübten Kritik der Überholtheit, Starrheit und geringen Wirksamkeit (vgl. Güßefeldt 1997, Hahne/Rohr 1999, Blotevogel 2002) ist es in einer reformulierten und den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen Rechnung tragenden Form ein nahezu unsubstituierbarer Bestandteil der raumordnerischen Praxis. Wird der Anspruch der Raumordnung ernst genommen, in einem rekursiven Prozess mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu stehen, erscheint es hier hinsichtlich des Zentrale-Orte-Konzeptes notwendig, die analytische Grundlage für die Gliederung normativer zentralörtlicher Strukturen – nämlich die Untersuchung der faktischen Zentralität einzelner Orte – auf einem zeitnahen Aktualitätsstand zu halten. Dies wurde auch im Saarland nötig, nachdem zu erwarten war, dass der fortgeschrittene Strukturwandel von der Altindustrie- zur diversifizierten Dienstleistungsregion (vgl. Bell 1973), aber auch der soziale Wertewandel (vgl. Inglehart 1977) und der damit sich im Saarland bereits vollziehende demographische Wandel (vgl. Abb. 1), mit zentralörtlichen Nebenfolgen geführt und somit die Untersuchung der Zentralen Orte im Saarland von 1977 als veraltet gelten konnte.

Abbildung 1

Normative zentrale Orte gemäß dem gültigen Landesentwicklungsplan, Teilabschnitt „Siedlung“, von 2006

Quelle: Ministerium für Umwelt 2006

Dieser Arbeit liegt eine analytische Trennung zwischen normativer Zentralität (im Sinne eines politisch- administrativ gesetzten Soll-Zustandes) und der analytischen Zentralität (im Sinne eines empirisch festgestellten bzw. feststellbaren Ist-Zustandes) zugrunde. Die vorliegende Untersuchung versteht sich dabei als Teil einer analytischen Basis der zum Jahr 2013 vorgesehenen Fortschreibung des Landesentwicklungsplans des Saarlandes, wobei eine Zusammenführung der beiden Teilabschnitte „Siedlung“ und „Umwelt“ geplant ist. In diesem Landesentwicklungsplan Saarland soll dann aus den Ergebnissen der vorliegenden Ist-Zustandserhebung eine Formulierung des Sollzustandes (als normative Zentralität) erfolgen. In der Laufzeit des aktuellen Landesentwicklungsplans, Teilabschnitt „Siedlung“, wird hingegen politisch kein Änderungsbedarf hinsichtlich der Anpassung der zentralörtlichen Gliederung in Form einer Teilfortschreibung gesehen.

Im Folgenden werden Überlegungen zu einer Anwendung des reformulierten Zentrale-Orte-Konzeptes (im Sinne von Blotevogel 2002) im Saarland vorgetragen. Anschließend werden die Methodik der Untersuchung zu Angebots- und Nachfragzentralität sowie die Ergebnisse der empirischen Untersuchung erläutert und einer Diskussion unterzogen. Abschließend werden in einem Fazit Schlüsse für die Bestimmung Zentraler Orte im Saarland für die Landesplanung gezogen.

Überlegungen zu einer Anwendung des reformulierten Zentrale-Orte-Konzeptes im Saarland
Besonderheiten des Planungssystems des Saarlandes in Bezug auf die Planung Zentraler Orte

Der Landesentwicklungsplan des Saarlandes gliedert sich in zwei Teilabschnitte, den Landesentwicklungsplan, Teilabschnitt „Umwelt (Vorsorge für Flächennutzung, Umweltschutz und Infrastruktur)“ vom 13. Juli 2004 und den Landesentwicklungsplan, Teilabschnitt „Siedlung“ (LEP „Siedlung“) vom 14. Juli 2006. Beide haben die Aufgabe, „die Flächenansprüche an den Raum und die räumliche Verteilung der einzelnen siedlungsrelevanten Raumnutzungen unter Abwägung überörtlicher, raumrelevanter Gesichtspunkte und unter Berücksichtigung der zuvor genannten Rahmenbedingungen zu koordinieren und Vorsorge für einzelne Raumnutzungen und -funktionen zu treffen“ (Ministerium für Umwelt 2006). Gegenüber den Landentwicklungsplänen anderer Flächenländer weist der Landesentwicklungsplan (hier: Teilabschnitt „Siedlung“) einige Besonderheiten auf. Infolge einer (aufgrund der geringen Landesfläche) fehlenden eigenständigen Regionalplanung umfasst der Landesentwicklungsplan auch regionalplanerische Aussagen. Somit legt der Landesentwicklungsplan, Teilabschnitt „Siedlung“, auch Grundzentren fest und weist mit Oberzentrum (Saarbrücken), Mittel- und Grundzentren drei Zentralitätsstufen aus, deren Ausstattungsumfang exemplarisch gefasst ist (vgl. Ministerium für Umwelt 2006). Eine Besonderheit des saarländischen Landesentwicklungsplanes, Teilabschnitt „Siedlung“, liegt darin, dass (mit der Ausnahme des Oberzentrums Saarbrücken) nicht ganze Kommunen als Zentrale Orte definiert sind, sondern dass innerhalb der Kommunen in der Regel ein Zentraler Ort bestimmt ist (Ministerium für Umwelt 2006; Abb. 1). Die analytische Basis der aktuellen normativen zentralörtlichen Gliederung fußt analytisch auf der Untersuchung von Ageplan (1977) und wurde in den Folgejahren selektiv aktualisiert (zur Geschichte der Raumplanung im Saarland siehe Jost/Moll 2007).

Grundzüge der Anwendung des reformulierten Zentrale-Orte-Konzeptes im Saarland

Das Zentrale-Orte-Konzept lässt sich als Steuerungsinstrument zur Erreichung raumordnerischer, an dem der Nachhaltigkeit ausgerichteter Ziele beschreiben, indem es als Element einer hoheitlichen und rechtsverbindlichen Rahmenplanung auch als kooperative und diskursive Entwicklungsplanung verstanden wird (Blotevogel 2002). Neben diesem prozessual-partizipativen Verständnis von Raumplanung werden von Blotevogel (2002) als den gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen gerecht werdendes Zentrale-Orte-Konzept eine stärkere Hinwendung zu Standortclustern anstelle einer Kommunenzentrierung sowie die Beschränkung auf die Hierarchiestufen Metropolregion, Oberzentrum, Mittelzentrum und Grundzentrum bei gleichzeitiger Einhaltung von Tragfähigkeitsschwellen gefordert. Aufgrund der bereits partizipativen Ausrichtung der saarländischen Landesplanungspolitik (vgl. Hartz/Kühne 2007) und der bereits bestehenden Dreigliederung des zentralörtlichen Systems im Saarland, standen bei der hier vorgestellten Untersuchung insbesondere die infolge der Ermittlung von Standortclustern durch Erhebung der Angebotszentralität auf Ortsebene und die Ermittlung der Tragfähigkeit durch Ermittlung der Verflechtungsbereiche als Nachfragezentralität vor dem Hintergrund des forcierten Strukturwandels im Saarland im Vordergrund der Untersuchungen.

Die Methodik der Untersuchung

Bei der Ermittlung der Angebotszentralität wurde auf die Methodik des vom Boustedt (1962) eingeführten Dispersionsfaktors zurückgegriffen. Demgemäß ist davon auszugehen, dass die Zentralität einer Einrichtung daran zu erkennen ist, wie deutlich sie auf eine bestimmte Zahl von Orten konzentriert ist. Als Maßzahl der Konzentration wird der Dispersionsfaktor berechnet, der die Zahl der Einrichtung im Verhältnis zu allen betrachteten Orten angibt. Im Saarland existiert ein internationaler Flughafen, dadurch ist der Dispersionsfaktor 1, die Zahl der Amtsgerichtsstandorte liegt bei 11 (Dispersionsfaktor 0,0909) und der in den Gelben Seiten (Stand 2007) – bei privaten Einrichtungen wurde hierauf zurückgegriffen – erfassten 733 Bäckereien (Dispersionsfaktor 0,0014). Insgesamt wurden für die 352 Ortsteile (Ziel war es, die Zentralität von Orten, nicht von ganzen Kommunen zu ermitteln) saarländischer Kommunen 154 Indikatoren in den Gruppen Handel, Gesundheit, andere Dienstleistungen, Verkehr, Bildung, Administration und Politik und Freizeit in Anlehnung an Weichhart (1996) erhoben. Die Auswahl der Indikatoren erfolgte nach Prüfung von Relevanz für die aktuelle Entwicklung zentraler Orte und Verfügbarkeit von Standortdaten, die Gewichtung der einzelnen Indikatoren ergab sich aus der Häufigkeit ihres Auftretens gemäß ihren Dispersionsfaktoren. Weitere Gewichtungen wurden – aufgrund von mangelnden allgemeingültigen und -verbildlichen methodisch nachvollziehbaren quantifizierten Bedeutungskoeffizienten (auch wenn es als unbestritten gelten kann, dass ein ICE-Haltepunkt eine größere zentralörtliche Bedeutung hat als ein Kürschner) – nicht vorgenommen. Aufgrund der großen Zahl der untersuchten Indikatoren ist jedoch von einer Nivellierung von Bedeutungsunterschieden der einzelnen Indikatoren über den jeweiligen Dispersionsfaktor hinaus auszugehen.

Die Addition der Dispersionsfaktoren ergab ein differenziertes Bild der Verteilung der Angebotszentralität im Saarland mit dem Maximalwert von 17,83 für den Saarbrücker Stadtteil St. Johann und 0,0 für Wadern, Ortsteil Gehweiler, im nördlichen Saarland. Die Schwellen für Grund-, Mittel- und Oberzentralität wurden – in Ermangelung eines allgemein gültigen Ausstattungskatalogs (vgl. Abschnitt „Besonderheiten des Planungssystems des Saarlandes in Bezug auf die Planung zentraler Orte“) – mittels Clusteranalyse vorgenommen. Zwar lässt sich nach Heinritz (1979) der Dispersionsfaktor nicht in allen Fällen als gültiges Maß für Zentralität heranziehen, doch ergibt sich aus der großen Zahl der Indikatoren – insbesondere bei Orten mittlerer und hoher Zentralität – eine hinreichend geringe Fehleinschätzungswahrscheinlichkeit. Lediglich in Orten mit geringer Zentralität können aufgrund von Einrichtungen mit hohem Faktor Verzerrungen auftreten, die sich in der Analyse mit Hilfe einer Plausibilitätskontrolle jedoch identifizieren lassen.

Die Erhebung der Nachfragezentralität erfolgt durch die Befragung zufällig ausgewählter saarländischer Haushalte mittels standardisiertem Fragebogen per Postversand. Der Fragebogen enthielt neben Fragen zum zentralörtlichen Verhalten auch Fragen zu sozio-demographischen Variablen, um unter anderem – insbesondere vor dem Hintergrund des demographischen Wandels – Unterschiede im zentralörtlichen Nachfragehandeln der Alterskohorten bestimmen zu können. Das zentralörtliche Nachfragehandeln wurde durch die Frage nach den bevorzugten Nachfrageorten für bestimmte Güter und Dienstleistungen (z.B. Brot, Bücher, Bankgeschäfte) ermittelt. Insgesamt belief sich der Rücklauf auf 1 179 von 4 559 Fragebögen (= 25,9 %) und stellt somit eine statistisch hinreichend gesicherte Basis für die Analyse von Verflechtungsbereichen vor dem Hintergrund von Tragfähigkeitsüberlegungen dar. Die Auswertung der Fragebögen erfolgte mit Hilfe der Methoden der beschreibenden sowie der Test- und Schätzstatistik.

Die Untersuchung der zentralen Orte im Saarland
Angebotszentralität

Im Vergleich zur (normativ gesetzten) Verteilung zentraler Orte gemäß dem aktuellen Landesentwicklungsplan (LEP), Teilabschnitt „Siedlung“, mit mindestens einem zentralen Ort pro Kommune (Ministerium für Umwelt 2006; Abb. 1), lassen sich in der aktuellen Untersuchung teilweise erhebliche Unterschiede zur analytischen Zentralität feststellen (Abb. 2):

Abbildung 2

Analytische zentrale Orte gemäß der Erhebung der Angebotszentralität aus dem Jahr 2007

Quelle: eigene Erhebungen

Nicht jede Kommune – insbesondere im weniger dicht besiedelten Norden und Südosten des Landes – weist analytisch einen Ort auf, der mindestens Grundzentrumsniveau erreicht. Abbildung 3 dokumentiert die unterschiedlichen Einwohnerdichten im Saarland, Abbildung 4 zeigt die sich aus der unterschiedlichen Besiedlungsdichte ergebende Strukturraumgliederung gemäß dem gültigen Landesentwicklungsplan, Teilabschnitt „Siedlung“ aus dem Jahr 2006.

Abbildung 3

Einwohnerdichte saarländischer Kommunen

Abbildung 4

Strukturräume gemäß Landesentwicklungsplan, Teilabschnitt „Siedlung“, von 2006

Quelle: Landesentwicklungsplan, Teilabschnitt „Siedlung“ vom 4. Juli 2006, Amtsblatt des Saarlandes Nr. 29

Insbesondere im Verdichtungsraum finden sich innerhalb einer Kommune mehrere Orte mit mindestens grundzentrumsäquivalenter Ausstattung, teilweise sogar mit unterschiedlichen Ausstattungsniveaus.

Insbesondere in Saarbrücken finden sich Standortcluster mit differenzierter Ausstattung. Der Ortsteil St. Johann mit Handel, Gesundheit, andere Dienstleistungen und Verkehr sowie der Ortsteil Alt-Saarbrücken mit Bildung, Administration und Politik.

Ähnlich den normativ gesetzten Grundzentren gemäß LEP finden sich bei den normativ gesetzten Mittelzentren gemäß LEP zahlreiche Orte, deren analytisch ermittelte Zentralität nicht an die normativ gesetzte Zentralität heranreicht. Bei diesen Titular-Mittelzentren handelt es sich entweder um Orte im eher ländlichen Kontext (Blieskastel, Wadern), Orte mit starkem Anpassungsdruck durch den Strukturwandel (Völklingen, Lebach) oder Orte in räumlicher und zeitlicher Nähe zu starken Zentren (Dillingen zu Saarlouis, teilweise auch Völklingen zu Saarbrücken und Saarlouis).

Nachfragezentralität

Prinzipiell lässt sich hinsichtlich der Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen eine Differenzierung nach zentralen Orten feststellen (Abb. 5). Dabei sind jedoch zwei Entwicklungen der räumlichen Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen auffällig: Erstens, bei keinem der gewählten Indikatoren übertrifft die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen in Grundzentren jene im Nahbereich (gemäß LEP, also alle nichtzentralen Orte), zweitens, bei hochrangigen Gütern und Dienstleistungen (Bücher, Computer, Reisen) wird die Versorgung zu teilweise erheblichen Anteilen über das Internet abgewickelt. Die unterschiedliche Reichweite der Güter und Dienstleistungen äußert sich auch in der durchschnittlichen Entfernung zwischen Wohnung und der Einrichtung, in der Bedürfnisse befriedigt werden (Abb. 6). Lediglich Brot, Apotheke, Hausarzt, Friseur liegen als Nahbereichsgüter deutlich unter fünf Kilometer Entfernung. Die größten Entfernungen werden zum Arbeitsplatz (durchschnittlich 18,5 km) und für Bankgeschäfte (im Durchschnitt 23,7 km) zurückgelegt (die Werte beziehen sich auf die Zahl der die Güter und Dienstleistungen Nachfragenden bzw. der Erwerbstätigen). Bei der Nutzung des Internets weist dabei die Alterskohorte über 65 Jahren im Durchschnitt keine signifikanten Unterschiede zu jüngeren Bevölkerungsteilen auf. Selektiv, bei Reisen, findet sich in dieser Alterkohorte sogar der größte Anteil an Internet-Versorgern. So werden 22,1 % der Reisen bei der Kohorte der über 65-Jährigen im Internet gebucht, in der Kohorte der 46- bis 65-Jährigen 21,5 %, in der der 31- bis 45-Jährigen 20,9 % und der 30-jährigen und jüngeren sogar lediglich 15,6 % (jeweils bezogen auf die Personenzahl, die angaben auch tatsächlich zu reisen).

Abbildung 5

Die Nachfrage nach zentralen Orten und Dienstleistungen, gegliedert nach Zentralitätsstufe des Ortes (nach dem gültigen LEP) der Einrichtung, in der die Nachfrage stattfindet

Quelle: eigene Erhebungen

Abbildung 6

Die durchschnittlich zur Beschaffung von den angegebenen Gütern und Dienstleitungen zurückgelegte Entfernung in km

Quelle: eigene Erhebungen

Die Analyse der Verflechtungsbereiche auf Grundlage der Versorgung mit den in Abbildung 5 dargestellten Gütern und Dienstleistungen bzw. dem Arbeits-/ Ausbildungsplatz bestätigt die im Zusammenhang mit der Angebotszentralität dargestellten Tendenzen: Eine grundzentralörtliche Ausrichtung findet lediglich in starken Grundzentren (gemäß Dispersionsfaktoranalyse) wie Losheim am See oder zu den Titular-Mittelzentrum, gemäß LEP, wie Völklingen, Lebach, Blieskastel, Wadern und Dillingen statt (vgl. Abb. 7). Eine deutliche Ausrichtung der Versorgung mit Gütern aller Bedarfsstufen (insbesondere des mittelfristigen und langfristigen Bedarfs) findet sich dabei auf die aufgrund der Analyse der Angebotzentralität ermittelten Mittelzentren und das Oberzentrumscluster St. Johann/Alt-Saarbrücken (vgl. Abb. 8). Eine Modifikation erhält dieses Muster lediglich hinsichtlich der Verflechtungsbeziehungen von Wohnort und Arbeits-/Ausbildungsplatz (Abb. 9): Hier sind einige Orte mit hoher Arbeitsplatzdichte, wie Dillingen aufgrund des dortigen Stahlwerks, aber auch Orte mit grundzentraler Ausstattung (z.B. Saarwellingen, Heusweiler), Ziel von Erwerbstätigen.

Abbildung 7

Die Verflechtungsbeziehungen zum Erwerb von Obst und Gemüse im Saarland gemäß der Untersuchung der Nachfragezentralität

Die Pfeile stellen die Verbindung von Wohnort zum bevorzugten Beschaffungsort von Ost und Gemüse dar.

Abbildung 8

Die Verflechtungsbeziehungen zum Erwerb von Büchern im Saarland gemäß der Untersuchung der Nachfragezentralität

Die Pfeile stellen die Verbindung von Wohnort zum bevorzugten Beschaffungsort von Büchern dar. Die Verflechtungsbereiche von St. Wendel und insbesondere von Homburg reichen bis weit nach Rheinland-Pfalz hinein, wurden aber aufgrund der Konzentration der Analyse auf das Saarland nicht erfasst.

Abbildung 9

Die Verflechtungsbeziehungen von Wohnort und Arbeitsplatz

Der Verlust der grundzentralen Versorgungsstruktur, die Weichart (1996) in ähnlicher Weise bereits für das Bundesland Salzburg festgestellt hat, außerhalb des saarländischen Verdichtungsraumes ist im Wesentlichen auf drei allgemein mitteleuropäisch-gesellschaftliche Ursachen und eine Saarland-spezifische Ursache zurückzuführen (vgl. auch Weichart/Fassmann/Hesina 2005):

Infolge der Pluralisierung der Lebensweisen und der Verbreitung technischer Haushaltsgeräte werden monovalente, periodisch kurzfristige Handlungsmuster durch polyvalente, periodisch mittelfristige ersetzt. Dies bedeutet im Versorgungshandeln, dass die auf Versorgung des traditionellen Haushaltes mit Gütern des kurzfristigen Bedarfs für die Hausfrau durch die Kopplung der Versorgung von Gütern des kurzfristigen Bedarfs insbesondere an den Arbeitsweg bzw. an den wöchentlichen Einkauf in Einrichtungen des – in der Regel in Mittelzentren lokalisierten – großflächigen Einzelhandels unter Nutzung des PKWs stattfindet. Fortschritte in der Haushaltstechnik (Kühl- und Gefrierschränke) und verbesserte Konservierungsmethoden lassen Lebensmittel länger haltbar sein, so dass auf eine kurzperiodische Neubeschaffung verzichtet werden kann.

Die nahezu omnipräsente Verbreitung von Lebensmitteldiscountern mit einer Flächengröße unterhalb der raumordnerischen, auf die Zentrenverträglichkeit bezogenen Prüfschwelle von 1 200 m2 impliziert zumindest eine relative Schwächung der Grundzentren, da Güter des kurzfristigen Bedarfs nahezu flächendeckend außerhalb der Grundzentren angeboten werden.

Aufgrund des hohen Motorisierungsgrades (733 Kfz pro 1 000 Einwohner), dem dichten, auf die Landeshauptstadt Saarbrücken ausgerichteten Autobahnnetz sowie der auch faktisch (nicht allein nach LEP) dichten Ausstattung mit Mittelzentren ist die Erreichbarkeit mittelzentraler Orte (max. 20 Minuten mit dem Motorisierten Individualverkehr) und des Oberzentrums Saarbrücken (bzw. im nördlichen Saarland Trier in maximal 40 Minuten) gewährleistet, so dass die Versorgung grundzentraler Güter entweder im Nahbereich oder in Kopplung mit der Versorgung mit Gütern des mittelfristigen bzw. langfristigen Bedarf im Mittel- oder Oberzentrum stattfindet.

Fazit und Ausblick

Für alle erhobenen Indikatoren der zentralörtlichen Verflechtung lassen sich zwischen den (mittel bzw. oberzentralen) Verflechtungsbereichen keine eindeutigen Grenzen ziehen. Die Verflechtungsbereiche sind durch unterschiedlich breite Ränder von Mehrfachausrichtungen und Verschränkungen, insbesondere aufgrund der Kopplung von Arbeitplatz- und Versorgungsverkehr, gekennzeichnet. Eine eindeutige Abgrenzung von Verflechtungsbereichen erscheint somit wenig der sozialen Realität zu entsprechen.

Daneben erscheint eine Anpassung des Systems der Zentralen Orte im Saarland aufgrund geänderter gesellschaftlicher Bedingungen im Sinne des reformulierten Zentrale-Orte-Konzeptes (Blotevogel et. al. 2002) erforderlich. Die gebotene Konzentration auf Zentren mit Entwicklungspotenzial im Zusammenhang mit dem demographischen Wandel sowie der Energiepreisverteuerung erfordert im Saarland eine Verringerung der Zahl der Mittelzentren, eine Stärkung des oberzentralen Clusters Saarbrücken sowie eine zentralörtliche Differenzierung innerhalb der Landeshauptstadt und Kommunen mit Ortsteilen unterschiedlicher zentralörtlicher Ausstattung und Verflechtung (insbesondere dem Entwicklungspol Homburg) sowie eine Neubestimmung der Funktion der Grundzentren. Wie sich eine solche Neubestimmung der Funktion der Grundzentren gestalten kann, obliegt einem fachlichen und politischen Diskurs. Mögliche Optionen einer solchen Neubestimmung sind:

eine Abschaffung der Kategorie der Grundzentren im Saarland, als Reaktion auf die empirisch kaum noch nachweisbare grundzentrale Ausrichtung der Bevölkerung. Wesentliche Einschnitte in die Daseinsvorsorge wären damit nicht verbunden, schließlich weist das Saarland aufgrund seiner (auch im Zuge des demographischen Wandels) hohen Besiedlungsdichte (gegenwärtig 406 Einwohner/km2) eine hohe mittel- und oberzentrale Erreichbarkeit auf;

eine den zentralörtlichen Gegebenheiten Rechnung tragenden Gebiets- und Verwaltungsreform, mit dem Ziel der stärkeren Übereinstimmung von administrativer und funktionaler Gliederung des Landes, beispielsweise durch die Angleichung der Gemeindegebietsstruktur an die mittelzentralen Verflechtungsbereiche;

eine normative Setzung von Grundzentren und deren konzentriert administrativ-politisch geförderte Entwicklung. Eine solche normative Setzung ist dabei an den raumplanerischen Soll-Vorstellungen einer zentralörtlichen Gliederung der Grundversorgung orientiert und nicht an analytischen Feststellungen des Ist-Zustandes. Allerdings erfordert eine solche Definition eines Soll-Zustandes eine konzertierte fachplanerische und vor allem politische Durchsetzung.

Als weiteres wesentliches Ergebnis der vorliegenden Untersuchung ist die Forderung nach einem dauernden Zentralitätsmonitoring zu formulieren. Insbesondere in Regionen, die einem beschleunigten und teilräumlich differenziert ablaufenden gesellschaftlichen Wandel unterworfen sind, wie das Saarland im Zuge der Postindustrialisierung oder die neuen Bundesländer im Zuge des Transformationsprozesses, sind auch die Zentralen Orte einem raschen Bedeutungswandel unterworfen. Im Sinne einer effektiven Raumbeobachtung und der daraus resultierenden Politikberatung sind umfassende Kenntnisse über die Entwicklung der Zentralörtlichkeit einzelner Orte von erheblicher Bedeutung.

Abbildung 1

Normative zentrale Orte gemäß dem gültigen Landesentwicklungsplan, Teilabschnitt „Siedlung“, von 2006Quelle: Ministerium für Umwelt 2006
Normative zentrale Orte gemäß dem gültigen Landesentwicklungsplan, Teilabschnitt „Siedlung“, von 2006Quelle: Ministerium für Umwelt 2006

Abbildung 2

Analytische zentrale Orte gemäß der Erhebung der Angebotszentralität aus dem Jahr 2007Quelle: eigene Erhebungen
Analytische zentrale Orte gemäß der Erhebung der Angebotszentralität aus dem Jahr 2007Quelle: eigene Erhebungen

Abbildung 3

Einwohnerdichte saarländischer Kommunen
Einwohnerdichte saarländischer Kommunen

Abbildung 4

Strukturräume gemäß Landesentwicklungsplan, Teilabschnitt „Siedlung“, von 2006Quelle: Landesentwicklungsplan, Teilabschnitt „Siedlung“ vom 4. Juli 2006, Amtsblatt des Saarlandes Nr. 29
Strukturräume gemäß Landesentwicklungsplan, Teilabschnitt „Siedlung“, von 2006Quelle: Landesentwicklungsplan, Teilabschnitt „Siedlung“ vom 4. Juli 2006, Amtsblatt des Saarlandes Nr. 29

Abbildung 5

Die Nachfrage nach zentralen Orten und Dienstleistungen, gegliedert nach Zentralitätsstufe des Ortes (nach dem gültigen LEP) der Einrichtung, in der die Nachfrage stattfindetQuelle: eigene Erhebungen
Die Nachfrage nach zentralen Orten und Dienstleistungen, gegliedert nach Zentralitätsstufe des Ortes (nach dem gültigen LEP) der Einrichtung, in der die Nachfrage stattfindetQuelle: eigene Erhebungen

Abbildung 6

Die durchschnittlich zur Beschaffung von den angegebenen Gütern und Dienstleitungen zurückgelegte Entfernung in kmQuelle: eigene Erhebungen
Die durchschnittlich zur Beschaffung von den angegebenen Gütern und Dienstleitungen zurückgelegte Entfernung in kmQuelle: eigene Erhebungen

Abbildung 7

Die Verflechtungsbeziehungen zum Erwerb von Obst und Gemüse im Saarland gemäß der Untersuchung der NachfragezentralitätDie Pfeile stellen die Verbindung von Wohnort zum bevorzugten Beschaffungsort von Ost und Gemüse dar.
Die Verflechtungsbeziehungen zum Erwerb von Obst und Gemüse im Saarland gemäß der Untersuchung der NachfragezentralitätDie Pfeile stellen die Verbindung von Wohnort zum bevorzugten Beschaffungsort von Ost und Gemüse dar.

Abbildung 8

Die Verflechtungsbeziehungen zum Erwerb von Büchern im Saarland gemäß der Untersuchung der NachfragezentralitätDie Pfeile stellen die Verbindung von Wohnort zum bevorzugten Beschaffungsort von Büchern dar. Die Verflechtungsbereiche von St. Wendel und insbesondere von Homburg reichen bis weit nach Rheinland-Pfalz hinein, wurden aber aufgrund der Konzentration der Analyse auf das Saarland nicht erfasst.
Die Verflechtungsbeziehungen zum Erwerb von Büchern im Saarland gemäß der Untersuchung der NachfragezentralitätDie Pfeile stellen die Verbindung von Wohnort zum bevorzugten Beschaffungsort von Büchern dar. Die Verflechtungsbereiche von St. Wendel und insbesondere von Homburg reichen bis weit nach Rheinland-Pfalz hinein, wurden aber aufgrund der Konzentration der Analyse auf das Saarland nicht erfasst.

Abbildung 9

Die Verflechtungsbeziehungen von Wohnort und Arbeitsplatz
Die Verflechtungsbeziehungen von Wohnort und Arbeitsplatz

Ageplan (1977): Vorstudie zum Raumordnungsteilplan „Dienstleistung (Zentrale Orte)“ im Auftrage des Ministers für Umwelt, Raumordnung und Bauwesen. Mülheim a. d. Ruhr.Ageplan1977Vorstudie zum Raumordnungsteilplan „Dienstleistung (Zentrale Orte)“ im Aufträge des Ministers für UmweltRaumordnung und BauwesenMülheim a. d. Ruhr.Search in Google Scholar

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