1. bookVolume 66 (2008): Issue 6 (November 2008)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

The Bologna approval and potential consequences for planning education in Germany

Published Online: 31 Dec 2008
Volume & Issue: Volume 66 (2008) - Issue 6 (November 2008)
Page range: 498 - 507
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Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
Abstract

The decision of the European Union, to harmonize higher education in Europe and to do this on the basis of the Anglo-American system of BA/MA structures (the so-called Bologna process) has caused considerable turmoil at German universities. This has been particularly a concern of Technical Universities which were forced to abandon a long tradition of engineering degrees. With the reform, full time (five years) planning education in Germany, exclusively established at Technical Universities is under scrutiny. By now all German schools of planning have restructured their programmes and introduced BA/BSc and MAI MSc degrees, substituting the traditional Dipl. Ing. in planning. This transformation will have considerable repercussions on the established programmes, on teaching and on practice orientation, as well as on student admission and international mobility. The article raises the respective issues for the programmes and discusses the likely implications for planning schools.

Keywords

Einführung

40 Jahre sind vergangen, seit im Jahre 1968 erst an der Universität Dortmund (heute TU Dortmund), dann an der TU Berlin, in Kaiserslautern, der Universität Oldenburg und an der Gesamthochschule Kassel Raumplaner und Raumplanerinnen, in einem eigenständigen 9- bis 10-semestrigen Vollstudium ausgebildet werden (Kunzmann 2008). Mit der Reform des europäischen Hochschulwesens, die der sogenannte Bologna-Prozess angestoßen hat (vgl. www.ec.europa.eu/education/policies/educ/bologna/bologna_en.html), sind auch Hochschulen betroffen, die dieses Vollstudium angeboten haben, bzw. Masterstudiengänge im Rahmen von Architektur oder Geografiestudiengängen offerieren, die auf das Berufs- und Tätigkeitsfeld Raumplanung (Stadt-, Regional- und Landesplanung, Raumordnung, sowie raumbezogene Fachplanungen) vorbereiten.

Die Beschlüsse der für die Hochschulen verantwortlichen Minister Europas, die Ausbildungssysteme in den Staaten der Europäischen Union zu vereinheitlichen, in erster Linie um die Mobilität von Studierenden zu verbessern, haben inzwischen auch in Deutschland zur fast flächendeckenden Einführung des anglo-amerikanischen Systems von Bachelor- und Masterstudiengängen geführt (vgl. HRK 2008). Die Reform soll bis zum Jahre 2010 abgeschlossen sein. Inzwischen haben auch alle Hochschulen in Deutschland, die Raumplanerinnen und Raumplaner ausbilden, ihre Ausbildungsstrukturen diesem zweistufigen System angepasst. Die Umstellung vom Diplomstudiengang in die BSc/BA bzw. MSc/MA Studiengänge ist eingeleitet. Die ersten Studierenden haben sich in die neuen Studiengänge eingeschrieben.

Die Umstellung vom einstufigen zum zweistufigen Ausbildungssystem wird nicht ohne Auswirkungen auf die Raumplanerausbildung bleiben. Sie wird bestehende Schwächen weiter verstärken und neue Probleme mit sich bringen. Nicht alle der im Folgenden skizzierten Wirkungen sind allein auf das Bologna-Abkommen zurückzuführen. Auch gesellschaftliche Entwicklungen sowie veränderte politische und gesellschaftliche Wertesysteme spielen hierbei eine Rolle. Weiterhin stehen vor allem junge Hochschulen in Zeiten des zunehmenden Wettbewerbs untereinander vor inneren Herausforderungen. Relevant sind zudem die internen strukturellen und personellen Probleme einer jungen, querschnittsorientierten Disziplin, die noch immer nach dem idealen Gleichgewicht von Wissenschafts- und Praxisorientierung in der Ausbildung von Planern sucht.

Mit Ausnahme der TU Dortmund haben alle deutschen Raumplanerstudiengänge die Aufteilung in drei Jahre (BA) plus zwei Jahre (MA) gewählt, nur die TU Dortmund hat sich für vier (BSc) plus ein Jahr (MSC) entschieden. Die Gründe waren im Wesentlichen

der Anspruch, dass ein vierjähriges Bachelorstudium einen berufsqualifizierenden Abschluss für die Studierenden bietet, die bereits nach diesem Studium in der Praxis tätig sein wollen;

die Chance, dass auch schon Bachelor-Studierende ein Semester im Ausland verbringen können, ohne dass sie große Teile des Studiums versäumen, was in einem dreijährigen Studiengang kaum zu organisieren ist;

die Möglichkeit für Studierende aus dem Ausland, für nur ein Studienjahr nach Deutschland zu kommen. Dies soll vor dem Hintergrund von Erfahrungen geschehen, dass zweijährige Studiengänge in Deutschland für diese Zielgruppe nicht attraktiv sind, auch im Hinblick darauf, dass es derzeit schon aus sprachlichen Gründen nicht leicht sein wird, zweijährige englischsprachige Studiengänge in Deutschland anzubieten.

Mögliche Wirkungen der Bologna Beschlüsse auf die Ausbildung von Raumplanerinnen und Raumplaner in Deutschland werden im Folgenden skizziert, wobei die Wirkungen auf die Studiengänge unterschiedlich sein werden, je nachdem, ob es sich um das 3+2 oder das 4+1 System handelt.

Dieser Beitrag erhebt weder einen Anspruch auf eine umfassende Analyse der Wirkungen des Bologna-Prozesses auf das deutsche Hochschulsystem, noch ist er eine Analyse des Zustands und der politischen Bedeutung der Raumplanung in Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Außerdem ist es zu früh, die Folgen dieser Reform für die Ausbildung von Raumplanerinnen und -planern umfassend zu bewerten. Dies ist auch nicht die Absicht dieses Beitrages. Er soll vielmehr auf Entwicklungen aufmerksam machen, mit denen Fakultäten, die bereits heute Raumplanerinnen und -planer ausbilden, bzw. in Zukunft ausbilden möchten, in der Folge dieser Reform konfrontiert werden. Er will Befürchtungen artikulieren, die die Einführung der neuen Studienstrukturen mit sich bringen kann. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass vierzig Jahre nach Einführung von Vollstudiengängen der Raumplanung noch immer die „richtigen“ bzw, sinnvollen Wege zu dem sehr breiten Berufs- und Tätigkeitsfeldern der Raumplanung in Wissenschaft und Praxis sehr kontrovers diskutiert werden.

Die Meinungen darüber sind jedenfalls bei den für diese Berufsfelder ausbildenden Planerinnen und Planern noch immer unterschiedlich, und meist biografisch geprägt. Auch konnte bis heute nicht überzeugend vermittelt werden, dass die Ausbildung von Raumplanerinnen und -planem in einem eigenständigen Vollstudium die Raumentwicklung in Städte und Regionen Deutschlands sichtbar und nachhaltig beeinflusst und verbessert hat. Aber dies ist vielleicht schon ein viel zu hoher Anspruch einer vergleichsweise noch jungen Disziplin.

Der Bologna-Prozess

Die fast bedingungslose Unterordnung des gesamten europäischen Hochschulwesens unter das anglo-amerikanische System ist zwar oft beklagt worden. Doch ist es letztlich nicht in Frage gestellt worden, weil manche schlechte Erfahrungen mit dem einstufigen System, das im deutschsprachigen Raum aber auch in Südeuropa Tradition hatte, dafür sprachen (vgl. Friedemann et al. 2008). Zu lange Studienzeiten, hohe Abbrecherquoten und geringe internationale Mobilität waren die wesentlichen Argumente für die Aufgabe des einstufigen Systems. Dass damit auch die Aufgabe eines traditionsreichen Hochschulabschlusses unnötigerweise aufgegeben wurde, wurde in Kauf genommen. Dabei war der Diplomingenieur (Dipl. Ing.) in den Ingenieurswissenschaften in Europa wie im Ausland (mit Ausnahme der Englisch sprechenden Länder) hoch angesehen. Es ist jedenfalls erstaunlich, dass weder die akademischen Hochburgen der Ingenieurwissenschaften in Deutschland, noch der VDI (Verein deutscher Ingenieure) diesen für Deutschlands Wissensexport sehr nachteiligen Schritt akzeptiert haben. Insbesondere die Hochschulen in ost-, südost- und südeuropäischen Ländern betrachten bis heute die Entscheidung gegen eine lange kontinentaleuropäische Ingenieurstradition mit großer Skepsis. Doch die Reform ist nicht mehr rückgängig zu machen. Sie ist politisch gestützt, weil sie die hochschulpolitischen Erwartungen Europas zu Beginn des 21. Jahrhunderts deutlich reflektiert.

Gerade diejenigen, die das anglo-amerikanische Studiensystem aus eigener Erfahrung kannten, sahen dieser Anpassung skeptisch entgegen. Es war abzusehen, dass es manche negative Wirkungen mit sich bringen würde, die die hochschulpolitischen Funktionäre entweder nicht vorhersahen, in Kauf nahmen oder sogar mit Absicht betrieben haben, um tatsächliche oder vermeintliche Missstände der deutschen Hochschulausbildung abzubauen. Vielleicht wollten sie auch der abnehmenden internationalen Bedeutung der deutschen Hochschullandschaft entgegenwirken. Ob dies mit dem neuem BA/MA System wirklich gelingen wird, bleibt abzuwarten.

Grundsätzlich sind die Beschlüsse von Bologna in einem weiteren politischen Rahmen zu sehen. Die langfristige Wettbewerbsfähigkeit Europas gegenüber Nordamerika und Asien ist das große Anliegen der Europäischen Union, das auch seinen Niederschlag in der im Jahre 2000 verabschiedeten Lissabon Agenda fand. Diese Wettbewerbsfähigkeit soll durch die verstärkte Förderung der Wissensindustrien in Europa gesichert werden. Die erfolgreichen Elitehochschulen in den USA wurden als das geeignete Modell für europäische Hochschulen dafür angesehen. Erst kürzlich hat Richard Sennet in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung diese Überschätzung noch einmal deutlich artikuliert (Sennett 2008). Die eindrucksvollen Budgets dieser Hochschulen, die Veröffentlichungserträge, die Zahl der Wissenschaftspreise, insbesondere die Zahl der Nobelpreise, bestimmen das sehr gute Ranking dieser Hochschulen. Sie waren Beweis genug dafür, dass dieses System dem kontinentaleuropäischen überlegen ist, es also angestrebt werden sollte. Vernachlässigt wurde demgegenüber, dass viele dieser Erfolge auch der Tatsache zu verdanken waren, dass sich Englisch als hegemoniale Wissenschaftssprache weltweit durchsetzt hat, dass die Grundlagenforschung an den Hochschulen und nicht an außeruniversitären Forschungsinstituten betrieben wird und dass die amerikanische Wirtschaft die Hochschulen weit mehr unterstützt als die deutsche Wirtschaft. Jene hat sich auch daran gewöhnt, dass der Staat diese Aufgabe weitgehend übernimmt. Dabei konzentriert sich die staatliche Förderung vor allem auf Natur- und Lebenswissenschaften, während die Geistes- und Sozial-wissenschaften vergleichsweise sehr vernachlässigt werden. Vielleicht liegt dies an der chronischen Schwäche der wissenschaftspolitischen Netze der in der Regel sehr individualistisch geprägten Geisteswissenschaften, an ihrem Mangel an strategischem Denken und ihrer Abneigung Allianzen zu bilden, oder auch an der Tatsache, dass die global vorherrschende Veröffentlichungssprache Englisch dabei eine Rolle spielt.

Jedenfalls ist auch in Deutschland inzwischen weitgehend akzeptiert, dass es in Zukunft Hochschulen geben wird, an denen eine kleine Elite forscht, lehrt und studieren kann und Hochschulen, die in den Regionen dafür sorgen sollen, dass eine noch größere Zahl von Abiturienten leichten Zugang zum Studium haben. Dabei finden Fachhochschulen immer mehr politische Unterstützung der Wissenschafts- und Finanzminister der Länder, weil dort die Ausbildung aufgrund anderer Personalstrukturen und hohen Lehrdeputate sehr viel billiger ist. Konsequenterweise müssten die Fachhochschulen den Universitäten, auch im Namen und in den inneren Strukturen gleichgestellt werden. Dieses wird jedoch nach wie vor von vielen Vertretern der etablierten Universitäten abgelehnt. Bislang hat es an politischen Mut gefehlt, die Fachhochschulen den Universitäten voll gleichzustellen, was im Grunde längst überfällig ist, weil die Unterschiede immer geringer werden. Schon heute gibt es in den Fachhochschulen ebenso viele Masterstudiengänge wie an den Universitäten. Außerdem haben die Fachhochschulen sich mit ihrem englischen Titel „University of Applied Sciences“ international ohnehin schon längst den Universitäten gleichgestellt und damit eine Entwicklung vorweggenommen, die im anglo-amerikanischen Raum bereits vollzogen wurde.

Raumplaner-Ausbildlung in Deutschland

Die Ausbildung von Raumplanerinnen und Raumplaner ist in diesem weiteren hochschulpolitischen Kontext zu sehen. Seit der Einrichtung der ersten Vollstudiengänge der Raumplanung an nur wenigen Hochschulen (1968 war die Universität Dortmund die erste Hochschule, die einen Vollstudiengang angeboten hat) wurden nach der Gründung von Hamburg-Harburg keine neuen Vollstudiengänge an deutschen Hochschulen mehr eingerichtet. Es gibt viele Gründe, warum dies so ist: Die Meinungen über die „richtige Art“ der Ausbildung von Raumplanerinnen waren ohnehin von Anfang an geteilt. Viele Vertreter von traditionellen akademischen Disziplinen waren und sind der Auffassung, dass Raumplanung nur auf der Grundlage eines Studiums in einer der Basisdisziplinen (Architektur, Geographie, aber auch Ökonomie, Soziologe oder Ökologie) erlernt werden kann, bzw. dass das Vollstudium nur einer der möglichen Wege ist, auf das Berufs- und Tätigkeitsfeld Raumplanung angemessen vorzubereiten. Die Zahl derjenigen Wissenschaftler, die einem Vollstudium der Raumplanung den Vorzug geben, scheint jedenfalls immer geringer zu werden.

Dabei ist der Erfolg der Vollstudiengänge in Dortmund, Berlin, Kaiserslautern, Kassel und Hamburg-Harburg unübersehbar. Mehr als 4 000 Raumplanerinnen und -planer haben inzwischen an diesen Fakultäten ihr Studium mit Erfolg abgeschlossen. In vielen deutschen Städten, auch in den Großstädten Frankfurt, Berlin, Hamburg, Köln, Dortmund und Essen, sind Raumplaner als Beigeordnete oder leitende Stadtplaner tätig. An vielen Hochschulen in Deutschland lehren und forschen Raumplaner. Jedoch ist nur an einer dieser Hochschulen, an der TU Dortmund, die Raumplanerausbildung in einer eigenen, von anderen Disziplinen unabhängigen Fakultät, etabliert. Aber auch dort gab es immer wieder Bestrebungen, die Fakultäten Bauwesen und Raumplanung zusammenzulegen. Es fällt jedoch auf, dass an keiner der frisch gekürten Eliteuniversitäten in Deutschland Raumplaner ausgebildet, während dies beispielsweise an allen amerikanischen Elitehochschulen selbstverständlich ist.

Ob die Raumentwicklung in Städten und Regionen Deutschlands ohne die speziell dafür ausgebildeten Raumplaner anders verlaufen wäre, muss Spekulation bleiben. Der Anspruch der Vollstudiengänge ist selbstverständlich, dass sie besser auf die Herausforderungen des Berufsfeldes vorbereiten, weil sie umfassender ausbilden, weil sie das Wissen um die Akteure der Raumentwicklung und ihre Motive und Strategien vermitteln, und weil sie Gruppenarbeiten und kommunikatives Handeln in den Mittelpunkt ihrer Ausbildung stellen (Kunzmann 1995 a, b, c).

Ob dieses Wissen und diese Fähigkeiten in der Praxis zu besseren Entscheidungen geführt hat, wäre sicher ein methodisch sehr anspruchsvolles, aber lohnenswertes Forschungsfeld. Ein Baustein dafür sind die von der Fakultät Raumplanung seit Jahren regelmäßig durchgeführten umfangreichen Absolventenbefragungen. Die letzte dieser Befragungen erfolgte im Jahre 2007 (Greiwe et al. 2007).

Der Bologna-Prozess und die Ausbildung von Raumplanern

Mögliche Wirkungen der Bologna Beschlüsse auf die Ausbildung von Raumplanern in Deutschland werden im Folgenden skizziert. Hier werden die Wirkungen auf die Studiengänge selbstverständlich unterschiedlich sein, je nachdem, ob es sich um das 3+2 oder das 4+1 System handelt. Doch diese Differenzierung wird hier nicht vorgenommen.

Bologna: Das Ende von Vollstudiengängen

Mit der Einführung der gestuften Ausbildung ist faktisch das Ende der Vollstudiengänge in der Raumplanung eingeleitet worden. Es wird zumindest an deutschen Universitäten nicht mehr möglich sein, solche Studiengänge neu einzurichten. Dies liegt sowohl an dem vergleichsweise geringen wissenschaftlichen oder akademischen Ansehen, das die Disziplin in der deutschen (im Gegensatz zur anglo-amerikanischen) Hochschullandschaft genießt, als auch am Versäumnis der Raumplanung, strategische Allianzen mit anderen Disziplinen (außer der Architektur) oder mit der Praxis (z. B. der Immobilienwirtschaft oder den Wohnungsbaugesellschaften) einzugehen. Raumplanung wird nach wie vor von vielen, die im Tätigkeitsfeld Raumplanung arbeiten, als Zusatzqualifikation betrachtet, die nach einer Ausbildung in einer traditionellen Disziplin erworben wird. Die Nachfrage nach den Kompetenzen, über die ausgebildete, querschnittsorientierte und kommunikative Raumplaner verfügen, wird auch in Zukunft zunehmen, schon allein, weil die Probleme der Raumentwicklung auf allen Planungs- und Entscheidungsebenen eher wachsen werden. Somit wird es vielfältige Angebote an Masterstudiengängen geben. Dies wird jedenfalls dort geschehen, wo interessierte und initiative Hochschullehrer eine Chance sehen, sich damit wissenschaftlich oder in der Praxis zu profilieren und den hohen Durchsetzungs- und Genehmigungsaufwand nicht scheuen. Wenn die Nachfrage steigt, aber strukturelle Gründe die Neueinrichtung von Vollstudiengängen verhindern, dann bleibt nur das alte Modell des Kombinationsstudiums, das in vielfältigen Varianten Teilqualifikationen für das Berufsfeld Raumplanung vermittelt und hochschulpolitisch leichter durchzusetzen ist. Doch das Ansehen von einoder zweijährigen Master-Studiengängen der Raumplanung in Universitätsgremien wird vermutlich weiter nachlassen, da solche Studiengänge keine großen Studentenzahlen generieren, die für die Evaluierung einer Fakultät und für deren personelle Ausstattung so wichtig sind.

Berufspraktische Konseqenzen

Ein dreijähriges Bachelorstudium ist faktisch nur der erste Teil eines Studiums, das zwangsläufig seine Fortsetzung finden muss, sei es an der gleichen Hochschule, an einer anderen Hochschule in Deutschland oder auch an einer Universität im Ausland. Letzteres wird in der Regel, schon aus sprachlichen Gründen, vorzugsweise im englischen Sprachraum erfolgen, wenn die Finanzierung kein Problem darstellt. Ein dreijähriger Bachelorabschluss kann nirgendwo in Europa für den Beruf qualifizieren. Keine Institution, die das Berufsfeld der Raumplanung in Europa kontrolliert (wie die Architektenkammer in Deutschland, oder das RTPI (Royal Town Planning Institute) im Vereinigten Königreich) würde Absolventen eines dreijährigen BSc-Studiengangs als berufsfertig anerkennen, so wie dies auch in anderen Berufsfeldern, wie beispielsweise Architektur, Bauingenieurwesen, geschweige denn im Tätigkeitsfeld der Medizin oder der Rechtswissenschaften nicht möglich wäre. Die 24 Technischen Universitäten haben schon 2004 in einer Erklärung festgehalten, dass der Bachelor für Ingenieure nicht berufsqualifizierend sei (Gaethgens 2004). Ein vierjähriger Studiengang (acht Semester), wie der an der TU Dortmund, kann hingegen berufsqualifizierend sein. Er zwängt faktisch das bislang neunsemestrige Studium in ein achtsemestriges Korsett. Aber vielleicht müssten auch nur ganz neue Arbeitsfelder definiert werden, in denen dann im Rahmen von dreijährigen Bachelor-Studiengängen eine neue Spezies von Raumplanungstechnikern tätig wird, die GIS-Anwendungen betreut, oder die als kommunikativer quartiersbezogener Sozialarbeiter tätig wird.

Raumplaner, die ein nur dreijähriges Bachelorstudium erfolgreich absolviert haben, werden in der Regel auch einen Master in diesem Fach anstreben. Es sei denn, sie haben in dem vierjährigen Dortmunder Studiengang bereits eine fachliche Vertiefung gefunden, die auf die Spezialisierung in einem von einer anderen Disziplin angebotenen Masterstudiengang vorbereitet. Absolventen von anderen Disziplinen (Architektur, Geographie, Soziologie), werden die Chance gerne nutzen, in einem Masterstudiengang die formale Berufsqualifikation für das Berufsfeld Raumplanung zu erwerben, auch wenn sie sonst mit der Praxis der Raumplanung nichts zu tun haben. In der beruflichen Praxis wird sich zeigen, dass ein sechssemestriger Bachelorabschluss letztlich nur ein Zwischenabschluss bleiben wird, so wie es auch schon der cand.ing. war.

Konsequenz wird sein, dass ein in der Regel dann formalisiertes Doktoratsstudium (Graduiertenkolleg) auf den Masterabschluss aufgesetzt wird. Das Studium wird also weiter verlängert. Dies geschieht nicht im Sinne eines lebenslangen Lernens, sondern eher, weil die „Umstände“ dies erfordern oder auch nur, weil das „Sammeln“ von Abschlusszeugnissen insgesamt leichter geworden ist. Eines ist absehbar: Die neue Zweistufigkeit des Studiums wird, ganz im Gegensatz zu den Absichten ihrer Promotoren, das Studium der Raumplanung eher verlängern und damit die hochschulinterne negative Einstellung zu solchen Studiengängen noch verstärken. Ein anderes Negativ-Szenario könnte sein, dass praxis-orientierte Raumplanerstudiengänge in Deutschland ganz den Fachhochschulen überlassen werden, so wie es in der Schweiz nach dem Ende des ORL-Instituts an der ETH Zürich faktisch geschehen ist.

Das Grundstudium wird vernachlässigt und an Bedeutung verlieren

Aufgrund der Vorgaben, der regulatorischen Zwänge des Bologna-Abkommens und der inzwischen landesweit eingeführten Akkreditierungsformalitäten wird das Grundstudium der Raumplanung unvermeidlich sehr viel stärker reglementiert und damit stärker verschult. Es bleibt also weniger Spielraum für flexible und aktuelle Anpassungen. Mit der Reglementierung wächst dann aber auch die Gefahr, dass noch mehr Veranstaltungen durch Dienstleistungen anderer Abteilungen (Mathematik, Soziologie, Ökonomie, Architektur) von Lehrenden erbracht werden, die kein oder nur geringes Wissen über die methodischen und praktischen Anforderungen der Raumplanung haben, oder auch wenig oder kein wissenschaftliches Interesse haben, Raumplanern disziplinäre Grundlagen zu vermitteln. Die Dienstleistungslehre im Grundstudium für andere Disziplinen und Studiengänge ist für beide Seiten, für die Lehrenden wie die Studierenden oft unbefriedigend. Dies ist auch nachvollziehbar, denn diese Art von akademischer Dienstleistung bringt in der Regel keine „credits“ für die wissenschaftliche Laufbahn in einer traditionellen Disziplin. Die Lehre im Grundstudium wird folglich grundsätzlich weiter routiniert und das Interesse an der Lehre im Grundstudium wird weiter nachlassen, da es für die wissenschaftliche Evaluierung kaum Punkte bringt. Damit steigt die Gefahr, dass im Grundstudium eine Kombination von Lehrveranstaltungen angeboten wird, die eher das Angebot an aktuell verfügbaren Lehrkapazitäten als die wissenschaftlichen und praktischen Anforderungen der Raumplanung widerspiegelt, wo also das additive Motto „A+B+C+D = Raumplanung“ der Curriculumsplanung zugrunde gelegt wird. Danach ist jede mögliche Kombination von Fächern grundsätzlich richtig und weiterführend, weil es wenige Wissenschaftsfelder gibt, in denen sich keine Raumbezüge definieren lassen.

Mit der Vernachlässigung des Grundstudiums erhöht sich aber auch die Gefahr, dass es wenig Unterschiede macht, ob ein Grundstudium in der Raumplanung oder in einer anderen Disziplin absolviert wird. Bei verkürzten vor-universitären Schulzeiten (12 Jahre) besteht ohnehin die Gefahr, dass das Bachelorstudium letztlich nur eine Art zweites Oberstufenkolleg ist und zu einem zweiten, etwas spezialisiertem Abitur führt. Ob Aufnahmeprüfungen an den Universitäten die Aufnahme regeln können, um die qualifiziertesten Bewerber zu ermitteln, ist schwer zu sagen, denn es gibt keinen Konsens darüber, was für ein Studium der Raumplanung qualifiziert.

Verlust der sozialen Dimension der Raumplanerausbildung

Das nachlassende Interesse von Studierenden (und Lehrenden) an den sozialen, moralischen und ethischen Dimensionen der Raumplanung ist nicht unmittelbar eine Folge der Bologna-Beschlüsse. Es ist vielmehr die Folge ganz allgemeiner, gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen im Lande, aber auch eines zunehmenden Desinteresse an der Politik. Die stärkere Reglementierung des zweistufigen Studiums bringt natürlich mit sich, dass Studierende weniger Zeit haben – oder auch nur glauben, keine Zeit zu haben – sich politisch zu informieren oder zu engagieren. Im Rahmen des Grundstudiums wird keine Zeit verloren. Es wird rational und schnell absolviert, sei es, um an einen anderen Studienort weiter zu ziehen oder auch, vor allem beim 8-semestrigen Bachelorstudium, um schneller in den Beruf einzusteigen. Im Master-Studium bleibt ohnehin nicht viel Zeit, jedenfalls dann nicht, wenn der Master, wie in Dortmund (und wie beispielsweise auch an vielen englischen Universitäten) nur ein Jahr dauert, und Studierende ihn nicht aus persönlichen Gründen informell um ein weiteres Jahr verlängern. Der allmähliche Verlust der sozialen (und auch der kommunikativen) Dimension der Raumplanerausbildung – und dies war an vielen Studienorten ein besonderes Merkmal der querschnittsorientierten Planerausbildung, die von vielen Arbeitgebern geschätzt wurde – wird die Disziplin insgesamt gefährden und ihre junge Existenz im internen Wettbewerb älterer Traditionsdisziplinen weiter schwächen.

Projekte und Diplomarbeiten in Gefahr

Die Stärken der Vollstudiengänge waren immer umfangreiche Projekte in Gruppen und die Qualität der Diplomarbeiten. Das straffere Zeitregime der gestuften Raumplanungsstudiengänge (und der Einfluss der Studiengebühren) wird diese zwei Traditionselemente der Raumplanerausbildung berühren. Praxisorientierte Studienprojekte (die manchmal mit Übungen verwechselt werden) sind zeitintensiv und erfordern viel Betreuung. Sie sind bei manchen Lehrenden, die lieber forschen und veröffentlichen, nicht besonders beliebt, schon weil dies in den Hochschul-Evaluierungsprozessen einen höheren Stellenwert hat. Also überlassen sie die Projektbetreuung in der Regel den Vertretern des Mittelbaus. Doch wenn auch deren Zahl abnimmt, weil Raumplanung im Rahmen der hochschulinternen Umverteilungskämpfe nicht zu den Spitzenforschungsgebieten gehört, besteht die Gefahr, dass Projekte, die mehr sind als nur die Einübung von methodischen Fertigkeiten, nicht mehr im Mittelpunkt der Ausbildung stehen können. Dennoch sind gerade sie das wichtigste positiv bewertete Element der Raumplanerausbildung (Greiwe et al. 2008) – das haben Befragungen ehemaliger Absolventen der Raumplanung immer wieder ergeben. Auch im Übergang von Diplom- zu Bachelor- und Masterarbeiten werden erhebliche Qualitätseinbußen in Kauf genommen werden müssen, weil die geforderte zeitliche Begrenzung ihren Niederschlag in reduzierten Anforderungen an die Abschlussarbeiten gefunden hat. In der Vergangenheit hatten Diplomarbeiten, dies jedenfalls war die Erfahrung an der Fakultät Raumplanung der TU Dortmund, zukünftige Handlungsfelder der Raumplanung erkundet. Darin waren manche dieser Arbeiten Dissertationen ebenbürtig. Dies wird in Zukunft angesichts der Rahmenbedingungen im Studium in Zukunft weit weniger der Fall sein. Routinearbeiten mit kleiner empirischer Basis werden die Regel sein. Es soll ja auch „nur“ nachgewiesen werden, dass die Absolventen gelernt haben, mit wissenschaftlichen Methoden zu arbeiten. Neugier und Innovation werden dann, wenn sie überhaupt angestrebt werden, der Dissertation Vorbe-halten sein. Die im Rahmen der Bologna-Reform angestrebte bessere Integration der Studierenden in die Forschung wird also entgegen der angestrebten Ziele auf das dritte Studienelement, das formalisierte Promotionsstudium, verlagert werden.

Die internationale Mobilität während des Grundstudiums wird abnehmen

In 9- bis 10-semestrigen Vollstudiengängen der Raumplanung war die internationale Mobilität der Studierenden sehr hoch. Ein Semester im Ausland, um zu erfahren, wie andernorts Raumplanung gelehrt und studiert wird, um fachbezogen eine andere Sprache zu lernen, oder einfach auch nur, um für einige Zeit in einer anderen Stadt, einer anderen Kultur, zu leben, war für Studierende in Vollstudiengängen der Raumplanung vergleichsweise leicht und kostengünstig zu organisieren. An der Universität Dortmund taten dies etwa ein Drittel aller Studierenden, meist im 7. Semester. Mit der Stufung des Studiums wird diese Bereitschaft schnell zurückgehen. Im sechssemestrigen, stark reglementierten Bachelorstudiengang bleibt dafür keine Zeit, im achtsemestrigen nur wenig. Und während des zwei- oder viersemestrigen Masterstudiengangs ist dies nicht anders. Es bleibt also für deutsche Studierende nur die Chance, dies zwischen den beiden Studienabschnitten zu tun, obwohl diese Übergangsphase nicht der beste Augenblick dafür ist und zudem mit der Maßgabe verbunden sein wird, sich bereits vor dem Auslandsaufenthalt in einen Masterstudiengang einzuschreiben, der dafür geeignet ist. Hinzu kommt, dass dieser Zwischenaufenthalt, entgegen der Absichten des Bologna-Abkommens, die Studienzeiten insgesamt sogar verlängern und nicht verkürzen wird, auch wenn die Ausstiegsetappen dadurch etwas flexibler geworden sind. Sollte ein Absolvent eines Bachelorstudiengangs sich dafür entscheiden, den Master in einem anderen europäischen Land zu absolvieren, muss er damit rechnen, dass der deutsche öffentliche Dienst diesen Abschluss nicht anerkennt. Jedenfalls wird es noch lange dauern, bis diese Anerkennung in deutschen Beamten- und Pensionsversicherungsgesetzen geregelt sein wird.

Referendariat Städtebau

Noch scheint nicht vollends entschieden, welche Auswirkungen das gestufte Modell der Raumplanerausbildung langfristig auf das Referendariat Städtebau hat. Ob die Absolventen des vierjährigen Bachelorstudiums in Dortmund den Zugang zum Referendariat erhalten ist noch nicht abschließend geklärt. In der Regel wird wohl der Nachweis eines Master-Degrees erforderlich sein. Dabei wäre es sicher sinnvoll gewesen, mit der Einführung des gestuften Ausbildungssystems auch über eine Reform des Referendariats nachzudenken. Eine Möglichkeit wäre, in Absprache mit dem Oberprüfungsamt, die Einrichtung spezieller Masterstudiengänge, in denen das erste Jahr an den Hochschulen unter Beteiligung von Praktikern aus Städten und Regionen und das zweite Jahr in der Praxis mit Unterstützung der Hochschulen abgeleistet wird. Der Master-Abschluss könnte somit mit dem zweiten Staatsexamen verknüpft werden. Dies würde dann in der Tat eine zweijährige Verringerung der Ausbildungszeiten, ganz im Sinne des Bologna-Abkommens bedeuten. Gespräche mit den zuständigen Referendariats-Verantwortlichen in den Länderministerien könnten geeignete Wege dazu erörtern.

Der Wettbewerb um die besten Studierenden wird härter

Insbesondere im Bereich der kurzen ein- oder zweijährigen Masterstudiengänge werden Hochschulen in Zukunft sehr viel mehr als bislang im Wettbewerb untereinander um die besten Studierenden aber auch um die besten Lehrenden stehen. International renommierte Studiengänge an attraktiven Studienorten werden davon profitieren, insbesondere wenn sie ein Profil anbieten können, das zukunftsorientiert ist und den Weg in die berufliche Praxis oder eine wissenschaftliche Laufbahn ebnet. Zukunftsorientierung bedeutet dabei, dass sie solide analytische, methodische und theoretische Kenntnisse der Raumentwicklung und planerisch-strategischen Handelns vermitteln, und dass die Ausbildung eine deutliche internationale Dimension hat und zentrale Zukunftsfelder raumplanerischer Tätigkeit thematisiert (Kunzmann 1985, 1992). Es sind dann auch die Masterstudiengänge, die die Vorraussetzungen für Promotionen schaffen. Studierende werden dort promovieren, wo sie im Rahmen des Masterstudiengangs inhaltliche Anregungen erhalten und personelle Netzwerke geknüpft haben. Das Bachelorstudium wird jedenfalls in der Regel nicht mehr der Ort sein, wo solche Entscheidungen getroffen werden. Studienorte, die Ihr Angebot für Master-Studierende inhaltlich und personell profilieren, werden auch für Studierende aus dem Ausland interessant sein. Beispielsweise könnte es durchaus Sinn machen, dass die Dekane-Konferenz der deutschen Raumplanungsfakultäten über eine geografische Schwerpunktsetzung nachdenkt, die ausländischen Bewerbern (z.B. aus Osteuropa, aus China oder aus Lateinamerika) über besondere sprachliche und kulturelle Studienbausteine entgegenkommt und die auch das internationale Marketing erleichtert. In diesem Zusammenhang könnte aber auch AESOP, das internationale Netz der Raumplanungsfakultäten, als Informationsbroker dienen.

Die Attraktivität des Studienstandortes Deutschland wird nicht steigen

Das deutsche System der Raumplanung ist europaweit hoch angesehen, auch wenn es oft in seinerWirkung auf die tatsächliche Raumentwicklung überschätzt wird. Da liegt es nahe, dies vor Ort besser kennen zu lernen. Doch ausländische Studierende, die nach Deutschland kommen möchten, werden dies in der Regel nur tun, wenn sie in einem Masterstudiengang aufgenommen werden. In deutschsprachigen Studiengängen wird dies selten geschehen, in englischsprachigen wird es davon abhängen, welche Reputation und inhaltlichen Schwerpunkte entsprechende Studiengänge bieten können und welche Attraktivität der Studienort für internationale Studierende hat. Hamburg und Berlin bringen dafür die besten Voraussetzungen mit, sofern sie englischsprachige Studiengänge einrichten können. Natürlich ist der personelle Aufwand für eine Fakultät erheblich, parallel deutsche und englischsprachige Studiengänge einzurichten. Ganz auf deutschsprachige Veranstaltungen zu verzichten aber heißt, den Anspruch auf Praxisorientierung in Deutschland ganz aufzugeben.

Attraktive Studienstandorte wie München und Heidelberg bieten bislang keine Raumplanerstudiengänge an. Indirekt stärkt das Bologna Agreement also Hochschulen in Großbritannien, weil dort eine Fülle von Master-Studiengängen eingerichtet ist und weil Englisch als Zweitsprache inzwischen an allen Schulen Europas gelernt wird (Kunzmann 2004). Im WS 2006/2007 boten 21 Hochschulen in Großbritannien insgesamt 59 (!) Masterstudiengänge an (PLANNING 2006). Leider haben es die deutschen Hochschulen versäumt, sich auf die Nachfrage aus den Ländern Osteuropas, des mittleren Ostens und Asiens einzurichten und entsprechende, auf diese Regionen ausgerichtete Studienangebote zu entwickeln, so wie es der Studiengang SPRING an der TU Dortmund seit nun fast 25 Jahren für Afrika, Asien und nun seit kurzem auch für Lateinamerika erfolgreich tut.

Ausländische Studierende werden in der Regel nur dann nach Deutschland kommen, wenn englischsprachige Studiengänge angeboten werden. Doch es wird schwer werden, den unterschiedlichen Anforderungen deutscher Studierender (die sich wissenschaftlich vertiefen oder nach dem Studium ins Ausland gehen möchten) und Studierenden aus dem Ausland (die sich für deutsche Raumplanung interessieren, oder auch nur hier einen akademischen Grad erwerben wollen), gerecht zu werden. Beide Zielgruppen in einem Masterstudiengang gleichermaßen anzusprechen ist nicht einfach. Die meisten ausländischen Studierenden an britischen Universitäten lernen viel über veröffentlichte englischsprachige Planungstheorie, aber wenig über die Praxis der Raumplanung in Großbritannien oder gar in anderen Ländern Europas. Hinzu kommt, dass die Zahl der Lehrenden, die anspruchsvolle Lehre in englischer Sprache an deutschen Hochschulen anbieten können, begrenzt sein wird. Die deutsche Berufungspraxis und das deutsche Prüfungssystem ist noch nicht so eingerichtet, dass Lehrende ausschließlich englischsprachige Veranstaltungen und Prüfungen anbieten können. Hier wird es sicher Anpassungen geben müssen, wie sie in den Niederlanden und in Skandinavien schon lange üblich sind. Das angestrebte Mobilitätsziel des Bologna-Abkommens wird also eher Großbritannien als Polen, Frankreich oder Deutschland zugute kommen. Eine zusätzliche Gefahr besteht darin, dass die Anforderungen für die Aufnahme von Studierenden aus dem Ausland reduziert werden, um die Zahl der eingeschriebenen Studierenden aus hochschulpolitischen, wie finanziellen, Gründen zu erhöhen, was wiederum nicht ohne Auswirkungen auf die Gestaltung der Lehre bleiben wird.

Ein neues Verhältnis von Theorie und Praxis?

Die allgemeine Entwicklung der Hochschulen hat im letzten Jahrzehnt dazu geführt, dass messbare Kriterien zur Bewertung von Leistung und Effizienz der Hochschulforschung und (wenn auch viel weniger) der Lehre aufgestellt wurden. Die Einwerbung von Drittmitteln, die Zahl von Doktoranden und Veröffentlichungen in international referierten (in der Raumplanung zu 95 % englischsprachigen) Fachzeitschriften sind dabei die herausragenden Kriterien. Solche Kriterien beeinflussen dann auch die Neuberufung von Lehrenden. In der Raumplanung, einer Disziplin, die sehr stark im Spannungsfeld von Forschung und Praxis steht, führt dies zu Gewichtsverlagerungen. Waren die ersten Berufungen an Raumplanungsfakultäten noch sehr stark davon geprägt, dass auch Planer mit umfangreichen praktischen Erfahrungen an die Hochschule berufen wurden, ist dies immer weniger möglich, weil Veröffentlichungslisten mehr zählen als praktische Erfahrungen mit kommunalen Projekten oder regionalen Initiativen (vgl. Kunzmann 2007). Die neue Zweistufigkeit des Ausbildungssystems wird dazu verleiten, auch die Raumplanerausbildung im Wesentlichen auf der Grundlage von formalisierten und Literaturstudien erfolgen zu lassen, wie dies in angloamerikanischen Studienprogrammen die Regel ist. Bei der Dominanz englischsprachiger Planungsliteratur, und damit anglo-amerikanischer Planungskulturen auf dem Gebiet der Raumplanung, kann dies den allmählichen Verlust der Verbundenheit mit der Realität der Raumplanungspraxis in Deutschland mit sich bringen. Forschendes, in der Praxis geschultes Lernen, eine der Stärken der Raumplanerausbildung in Deutschland, wird durch diese Entwicklung schrittweise abgebaut.

Quo vadis Raumplanerausbildung?

Es ist zu erwarten, dass der europäische Einigungsprozess sich auch auf das Berufsfeld der Raumplanung in Europa auswirken wird. Die Wege zur Harmonisierung der Raumplanungssysteme der 27 EU-Länder sind zwar lang, aber im Bereich Umwelt und Transport sind solche Bestrebungen schon sehr weit fortgeschritten. Noch ist die Raumplanung keine der Kompetenzen, die die Länder und Regionen der EU gerne zugestehen. Aber mit Hilfe ihrer finanziellen Instrumente wird die europäische Kommission die Länder sanft überzeugen, dass eine Harmonisierung der Systeme Sinn machen könnte. Hinzu kommt, dass die starke englische Präsenz im Forschungsbereich und bei der europäischen Forschungs- und Beratungsindustrie dafür sorgen wird, dass die englischen Standards mit gewissen kontinentaleuropäischen Zugeständnissen auch als europäische Standards eingeführt werden. Mit ihnen wird dann auch die englischsprachige Literatur noch stärker die wissenschaftliche Diskussion in Europa dominieren – nicht weil sie grundsätzlich innovativer und besser ist, aber weil sie von den meisten Planern in Europa gelesen wird und weil englischsprachige Veröffentlichungen im Wissenschaftssystem mehr zählen als solche, die „nur“ in der Landessprache verfasst werden. (Kunzmann 2004; 2006). Das Bologna-Abkommen befördert diese Entwicklung, weil es sich im Wesentlichen am anglo-amerikanischen Ausbildungssystem orientiert. Da seit dem Austritt des SRL (Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung) aus dem ECTP (European Council of Town Planners) deutsche Anliegen in Europa nur noch von der DASL artikuliert und vertreten werden, besteht die Gefahr, dass auch deutsche Interessen der Raumplanungspraxis international nicht mehr berücksichtigt werden.

Der Bologna-Prozess kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Die zweistufige Ausbildung ist damit festgeschrieben, auch für die Ausbildung von Raumplanern. Für die in den letzten vierzig Jahren sehr erfolgreiche Ausbildung von Raumplanern in Vollstudiengängen ist dies ein Rückschlag. Mittelfristig kann es, wie das Beispiel Frankreich zeigt, auch das Ende des Vollstudiums bedeuten (siehe den Beitrag von Peter Ache in diesem Heft).

Nicht alles war früher besser, das gilt auch für die Ausbildung von Raumplanern. Aber es fällt schwer, mögliche positive Wirkungen des Bologna-Abkommens für die Ausbildung von Raumplanern zu antizipieren. Natürlich war die Umstellung an allen Fakultäten ein heilsamer Prozess zur Entrümpelung überholter Inhalte und zur Verschlankung von Studiengängen, auch wenn dieser sehr zeitraubende Prozess immer mehr von den augenblicklichen personellen Strukturen und hochschul-innenpolitischen Zwängen beeinflusst war als von inhaltlichen Zielsetzungen. Die Studienbedingungen für Studierende werden dadurch nicht besser. Die Erfahrungen der nächsten zehn Jahre werden zeigen, ob die nüchterne Bilanz des Bologna Abkommens für das Studienfeld Raumplanung Deutschland in diesem Beitrag denkbare positive Veränderungen nicht ausreichend gewürdigt hat. Jedenfalls ist der Bologna Prozess ein wichtiger Anstoß, die Raumplanerausbildung in Deutschland wieder einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen.

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